Markus G
Zuletzt aktualisiert am: 6. Januar 2026
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Die Moderne Portfoliotheorie (Modern Portfolio Theory, MPT) ist eine bahnbrechende Methode, um Anlageportfolios wissenschaftlich zu optimieren. Sie wurde 1952 von Harry Markowitz entwickelt und beantwortet eine einfache Frage: Wie stelle ich mein Portfolio so zusammen, dass ich bei einem bestimmten Risiko die höchstmögliche Rendite bekomme – oder bei einer gewünschten Rendite das geringste Risiko trage? Die revolutionäre Erkenntnis: Das Risiko eines Portfolios hängt nicht nur davon ab, wie riskant die einzelnen Anlagen sind, sondern vor allem davon, wie sich diese Anlagen zueinander verhalten. Wenn eine Aktie steigt, während die andere fällt, gleichen sie sich aus – das Gesamtrisiko sinkt. Markowitz entwickelte die mathematischen Werkzeuge, um diese Zusammenhänge präzise zu berechnen und das optimale Portfolio zu finden. Seine Arbeit “Portfolio Selection” war nur 14 Seiten lang, veränderte aber die gesamte Finanzwelt. Für diese Leistung erhielt er 1990 den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften. Heute basieren Billionen Dollar an Investments weltweit auf seinen Prinzipien – von Pensionsfonds über Versicherungen bis zu modernen Robo-Advisors.
Vor 1952 war Geldanlage mehr Kunst als Wissenschaft. Anleger wählten Aktien nach Bauchgefühl, Tipps oder einfacher Fundamentalanalyse einzelner Unternehmen. Niemand hatte eine systematische Antwort auf die Frage:
Harry Markowitz, damals 25-jähriger Doktorand an der University of Chicago, änderte das mit einem einzigen Artikel im Journal of Finance[1].
Seine Idee war brillant einfach: Das Risiko einer einzelnen Aktie ist weniger wichtig als die Frage, wie sich alle Aktien im Portfolio gemeinsam verhalten. Stellen Sie sich vor, Sie besitzen eine Eiscreme-Firma (läuft gut im Sommer, schlecht im Winter) und eine Regenschirm-Firma (läuft schlecht im Sommer, gut bei Regen). Einzeln sind beide riskant – aber zusammen gleichen sie sich aus. Das ist Diversifikation in Reinform.
Markowitz machte aus dieser Intuition harte Mathematik. Er zeigte: Wenn Sie wissen, wie sich zwei Anlagen im Verhältnis zueinander entwickeln (ihre “Korrelation”), können Sie berechnen, wie riskant ein Portfolio aus beiden zusammen ist – und dieses kombinierte Risiko ist oft viel niedriger als der Durchschnitt der Einzelrisiken.
Die Formel war komplex, aber das Ergebnis revolutionär: Erstmals konnte man für jede gewünschte Rendite das Portfolio mit dem niedrigsten Risiko finden – oder umgekehrt, für jedes Risikoniveau das Portfolio mit der höchsten erwarteten Rendite. Diese optimalen Kombinationen liegen auf der berühmten “Effizienzlinie” (Efficient Frontier). Darunter liegt kein besseres Portfolio – Sie können bei gleichem Risiko keine höhere Rendite bekommen. Das war die Geburt der quantitativen Finanzanalyse.
Die Theorie stieß anfangs auf Skepsis. Milton Friedman, einer der berühmtesten Ökonomen des 20. Jahrhunderts, saß 1955 in Markowitz’ Doktorprüfung und scherzte angeblich:
“Das ist keine Ökonomie, das ist Mathematik.”
Aber Friedman sollte sich täuschen – es war eine neue Art von Ökonomie, die heute die Finanzwelt dominiert. In den 1960er Jahren entwickelte William Sharpe das Capital Asset Pricing Model (CAPM) auf Basis von Markowitz’ Arbeit – er bekam dafür ebenfalls einen Nobelpreis. Die Moderne Portfoliotheorie wurde zum Fundament der Finanzlehre an allen Universitäten weltweit.
Ihre praktische Bedeutung ist enorm: Studien zeigen, dass über 90% der langfristigen Performance eines Portfolios von der grundlegenden Verteilung auf Anlageklassen (Asset Allocation) abhängen – nicht von der Auswahl einzelner Aktien[2]. Genau das hatte Markowitz vorhergesagt.
Heute nutzen praktisch alle professionellen Investoren die Prinzipien der Modernen Portfoliotheorie – wenn auch oft in weiterentwickelter Form. Pensionsfonds, die Milliarden für die Altersvorsorge von Millionen Menschen verwalten, optimieren ihre Portfolios nach Markowitz-Prinzipien. Versicherungen tun es, Stiftungen tun es, und moderne Robo-Advisors tun es automatisiert für Privatanleger. Die Finanzindustrie verwaltet geschätzte mehrere Billionen Dollar nach MPT-basierten Strategien. Das macht die Portfoliotheorie zur wohl einflussreichsten Finanztheorie aller Zeiten.
Ihre Grundaussagen sind auch nach 70 Jahren unbestritten: Diversifikation funktioniert, die Verteilung auf Anlageklassen ist entscheidend, und das Verhältnis von Rendite zu Risiko sollte optimiert werden. Diese Erkenntnisse haben das Investieren von Spekulation zu Wissenschaft gemacht.
Die Markowitz-Theorie liefert die wissenschaftliche Grundlage für drei praktische Fragen, die jeden Anleger betreffen:
Ohne Markowitz würden Anleger immer noch im Dunkeln tappen und müssten raten. Mit seiner Theorie gibt es klare, berechenbare Antworten.
Ein praktisches Beispiel macht die Macht der Theorie deutlich: Stellen Sie sich vor, Sie haben 100.000 Euro und zwei Anlageoptionen – deutsche Aktien und US-Staatsanleihen. Deutsche Aktien brachten historisch etwa 8% Rendite pro Jahr, schwankten aber stark (Volatilität 20%). US-Staatsanleihen brachten 4% bei niedriger Volatilität (5%). Instinktiv würden Sie vielleicht 50/50 mischen. Aber Markowitz zeigt: Wegen der niedrigen Korrelation zwischen Aktien und Anleihen (oft nur 0,1-0,2) können Sie mit einer Mischung von etwa 60% Aktien und 40% Anleihen eine Rendite von 6,4% erreichen bei einer Volatilität von nur 12% – deutlich weniger als die 20% reiner Aktien, aber deutlich mehr Rendite als 50/50. Das ist der Diversifikationseffekt in Aktion. Die Portfoliotheorie sagt Ihnen genau, welche Mischung für Ihre Risikobereitschaft optimal ist.
Nobelpreis 1990 “Moderne Portfolio-Theorie” für Harry M. Markowitz
Harry Markowitz erhielt 1990 den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften
Harry Max Markowitz wurde am 24. August 1927 in Chicago als Sohn jüdischer Einwanderer geboren. Er verstarb am 22. Juni 2023 in San Diego im Alter von 95 Jahren. Seine akademische Karriere begann an der University of Chicago, wo er Wirtschaftswissenschaften studierte und Teil der legendären “Cowles Commission for Research in Economics” wurde – einem Think Tank, der mehrere Nobelpreisträger hervorbrachte. Dort traf Markowitz auf Größen wie Milton Friedman, Tjalling Koopmans und Leonard Savage, die sein Denken prägten. Die Inspiration für seine revolutionäre Arbeit kam aus einem Buch von 1938: John Burr Williams’ “Theory of Investment Value” erklärte, wie man den Wert eines Unternehmens berechnet – ließ aber die Frage nach dem Risiko völlig offen. Markowitz erkannte diese Lücke und füllte sie.
Nach seiner Promotion 1955 arbeitete Markowitz bei der RAND Corporation, einer berühmten Denkfabrik in Kalifornien. Dort traf er den Mathematiker George Dantzig, mit dem er den “Critical Line Algorithm” entwickelte – eine Methode, um das optimale Portfolio tatsächlich zu berechnen (die Theorie war eine Sache, die praktische Umsetzung eine andere). Dieser Algorithmus wird bis heute in modifizierter Form verwendet. Markowitz’ wissenschaftlicher Beitrag beschränkte sich nicht auf die Portfoliotheorie – er leistete auch Pionierarbeit in Computersimulation und Optimierungsverfahren. Aber seine 14 Seiten von 1952 sollten sein Vermächtnis werden. Für diese Arbeit und seine weiteren Beiträge zur Finanztheorie erhielt er 1990 den Alfred-Nobel-Gedächtnispreis für Wirtschaftswissenschaften, gemeinsam mit William Sharpe (der auf Markowitz aufbaute) und Merton Miller (der die Unternehmensfinanzierung revolutionierte).
Markowitz definierte Risiko als die Schwankungsbreite der Renditen – technisch: die Standardabweichung. Je stärker eine Anlage im Wert schwankt, desto riskanter ist sie. Eine deutsche Bundesanleihe mit garantierten 2% pro Jahr hat eine Standardabweichung nahe null – kein Risiko, keine Überraschungen. Eine volatile Tech-Aktie, die mal 40% steigt und mal 30% fällt, hat eine Standardabweichung von vielleicht 35% – hohes Risiko, aber auch Chancen. Historische Daten zeigen: Einzelne Aktien schwanken typischerweise zwischen 30-50% pro Jahr, gut diversifizierte Aktienportfolios nur noch 15-25%, und gemischte Portfolios aus Aktien und Anleihen oft nur 8-12%. Diese Reduktion des Risikos durch Mischung ist der Kern von Markowitz’ Entdeckung.
Die Theorie unterscheidet zwischen zwei Arten von Risiko: Systematisches Risiko (Marktrisiko) betrifft alle Anlagen – wenn die gesamte Wirtschaft in eine Rezession rutscht, fallen fast alle Aktien. Dieses Risiko können Sie durch Diversifikation nicht eliminieren – Sie müssen es akzeptieren oder in sichere Anlagen ausweichen. Unsystematisches Risiko (spezifisches Risiko) betrifft einzelne Unternehmen – VW hat einen Abgas-Skandal, Boeing hat Probleme mit einem Flugzeugtyp, ein Pharma-Unternehmen scheitert bei der Medikamenten-Zulassung. Dieses Risiko können Sie durch Diversifikation fast vollständig eliminieren. Studien zeigen: Mit 15-20 verschiedenen Aktien aus unterschiedlichen Branchen haben Sie bereits 90% des eliminierbaren Risikos wegdiversifiziert. Mehr Aktien helfen nur noch marginal. Die entscheidende Erkenntnis: Sie werden nur für systematisches Risiko belohnt (mit höherer erwarteter Rendite), nicht für unsystematisches Risiko. Warum sollten Sie also unsystematisches Risiko tragen?
Konservative Portfolios mit vielen Anleihen schwanken wenig – typische Volatilität 5-10% pro Jahr. Renditeerwartung: 3-5% p.a. Geeignet für Anleger kurz vor der Rente oder mit niedriger Risikotoleranz.
Aggressive Portfolios mit vielen Aktien schwanken stark – typische Volatilität 15-25% pro Jahr. Renditeerwartung: 6-9% p.a. Geeignet für junge Anleger mit langem Anlagehorizont.
Korrelation misst, wie eng zwei Anlagen sich gemeinsam bewegen. Der Korrelationskoeffizient liegt immer zwischen -1 und +1:
In der Realität finden Sie meist Werte zwischen diesen Extremen. Beispiele aus der Praxis: Aktien desselben Landes und derselben Branche haben oft Korrelationen von 0,7-0,9 (sehr hoch). Deutsche und US-Aktien haben etwa 0,8 (hoch). Aktien und hochwertige Staatsanleihen haben oft 0,0 bis -0,2 (niedrig bis leicht negativ). Gold und Aktien haben etwa -0,1 (leicht negativ).
Formeln zur Berechnung von Kovarianz und Korrelation nach Markowitz
Quelle: Finanzgeschäft der Banken Portfoliomanagement 2/2. Portfolio- und Kapitalmarkttheorie von Max Lüscher Marty
Warum ist Korrelation so wichtig? Weil sie bestimmt, wie viel Diversifikationsnutzen Sie bekommen. Wenn Sie zwei Aktien mit Korrelation +1 kombinieren, bringt das gar nichts – sie verhalten sich identisch. Wenn Sie zwei Aktien mit Korrelation 0 kombinieren, reduzieren Sie das Risiko erheblich. Und wenn Sie zwei Anlagen mit Korrelation -1 kombinieren (was praktisch nicht vorkommt), können Sie das Risiko theoretisch auf null reduzieren. Die Praxis: Aktien verschiedener Länder und Branchen haben Korrelationen von 0,3-0,7 – gut genug für substanzielle Diversifikationsvorteile. Die Kombination von Aktien und Anleihen (Korrelation oft nahe 0 oder leicht negativ) bringt besonders viel. Deshalb empfehlen die meisten Berater gemischte Portfolios aus beidem. Der Haken: Korrelationen sind nicht konstant. In Krisenzeiten (Finanzkrise 2008, Corona-Crash 2020) steigen sie oft stark an – plötzlich fallen fast alle Anlagen gleichzeitig. Das ist ein bekanntes Problem der Portfoliotheorie.
Die Effizienzlinie (Efficient Frontier) ist das Herzstück der Markowitz-Theorie.
Stellen Sie sich ein Diagramm vor: Auf der horizontalen Achse steht das Risiko (gemessen als Volatilität), auf der vertikalen die erwartete Rendite. Jeder mögliche Portfoliomix aus Ihren verfügbaren Anlagen ist ein Punkt in diesem Diagramm. Wenn Sie 100% Anleihen halten, sind Sie ganz links (niedriges Risiko, niedrige Rendite). Wenn Sie 100% Aktien halten, sind Sie weiter rechts (hohes Risiko, hohe Rendite). Dazwischen liegen alle Mischungen. Aber nicht alle Mischungen sind gleich gut. Manche sind “ineffizient” – sie haben unnötig viel Risiko für ihre Rendite. Die “effizienten” Portfolios liegen auf einer geschwungenen Linie, der Effizienzlinie. Kein Portfolio unterhalb dieser Linie kann bei gleichem Risiko mehr Rendite bieten – es ist mathematisch unmöglich[1].
Moderne Portfoliotheorie nach Harry Markowitz – das System
Effiziente Portfolios aus riskanter und risikoarmer Anlage, Die moderne Portfolio-Theorie nach Harry M. Markowitz) – Quelle: anlegercampus.net
Welches Portfolio auf der Effizienzlinie für Sie optimal ist, hängt von Ihrer persönlichen Risikotoleranz ab. Sind Sie jung, haben einen stabilen Job und können Schwankungen aussitzen? Dann vielleicht ein Portfolio nahe Punkt A mit 80-90% Aktien. Sind Sie kurz vor der Rente und brauchen Stabilität? Dann vielleicht näher an Punkt M mit 30-40% Aktien. Die Portfoliotheorie sagt nicht, welches Portfolio Sie wählen sollten – sie sagt nur, welche Kombinationen effizient sind und welche ineffizient. Die Wahl zwischen effizienten Portfolios ist eine persönliche Präferenzentscheidung. Aber eines ist klar: Ein Portfolio unterhalb der Effizienzlinie zu wählen, ist objektiv suboptimal. Sie könnten bei gleichem Risiko mehr Rendite haben, oder bei gleicher Rendite weniger Risiko.
Die praktische Umsetzung der Markowitz-Theorie erfordert drei Inputs:
(1) Die erwarteten Renditen aller Anlagen,
(2) Ihre Volatilitäten (Standardabweichungen),
(3) Die Korrelationen zwischen allen Anlagepaaren.
Mit diesen Daten können Sie – theoretisch – die Effizienzlinie berechnen und Ihr optimales Portfolio finden. In der Praxis ist das jedoch schwierig, weil Sie die Zukunft nicht kennen. Sie müssen die erwarteten Renditen, Volatilitäten und Korrelationen schätzen – meist auf Basis historischer Daten. Aber die Vergangenheit ist keine Garantie für die Zukunft. Eine Aktie, die in den letzten 10 Jahren 12% Rendite gemacht hat, könnte in den nächsten 10 Jahren nur 5% machen – oder 15%. Diese “Schätzunsicherheit” ist das größte praktische Problem der Portfoliotheorie[2].
Für Privatanleger gibt es pragmatische Lösungen: Statt Einzelaktien zu analysieren, können Sie mit Anlageklassen arbeiten. Definieren Sie 3-5 Bausteine wie “Globale Aktien” (via MSCI World ETF), “Staatsanleihen” (via Staatsanleihen-ETF), “Gold” und “Immobilien” (via REIT-ETF). Für diese Anlageklassen gibt es viele historische Daten zu Renditen, Volatilitäten und Korrelationen. Dann nutzen Sie einen der vielen kostenlosen Online-Rechner zur Portfoliooptimierung (z.B. von Portfolio Visualizer) oder lassen sich von einem Robo-Advisor helfen. Diese automatisierten Dienste nutzen Markowitz-basierte Algorithmen, um für Ihre Risikotoleranz das passende Portfolio zu finden. Die meisten schlagen Mischungen zwischen 20/80 (sehr konservativ) und 90/10 (sehr aggressiv) vor, wobei die erste Zahl für Aktien steht, die zweite für Anleihen.
Ein wichtiger Praxishinweis: Die Portfoliotheorie sagt, Sie sollten Ihr Portfolio regelmäßig “rebalancen”. Wenn Aktien gut laufen und von 60% auf 75% Ihres Portfolios anwachsen, verkaufen Sie einen Teil und kaufen Anleihen nach, um wieder auf 60/40 zu kommen. Das fühlt sich falsch an (Gewinner verkaufen?), ist aber richtig: Sie erzwingen damit “günstig kaufen, teuer verkaufen” durch einen mechanischen Prozess. Studien zeigen, dass regelmäßiges Rebalancing (z.B. einmal jährlich) die Rendite um 0,3-1% pro Jahr steigern kann bei gleichzeitiger Risikoreduktion. Genau das würde Markowitz empfehlen: Einmal die optimale Asset Allocation festlegen, dann diszipliniert dabei bleiben und regelmäßig zum Ausgangspunkt zurückkehren.
Erstmals mathematisch präzise Methode zur Portfoliooptimierung. Nicht Bauchgefühl, sondern Zahlen und Logik. Über 70 Jahre wissenschaftlich validiert.
Zeigt mathematisch, warum und wie viel Diversifikation bringt. Beweist: “Nicht alle Eier in einen Korb” ist keine Volksweisheit, sondern Mathematik.
Risiko ist nicht mehr vage (“fühlt sich riskant an”), sondern präzise messbar durch Volatilität. Ermöglicht objektive Vergleiche zwischen Portfolios.
Robo-Advisors, Pensionsfonds, Versicherungen – Billionen Dollar werden nach diesen Prinzipien verwaltet. Die Theorie funktioniert in der Praxis.
Die Theorie geht davon aus, dass Renditen einer Glockenkurve folgen. Aber in Wirklichkeit gibt es mehr Extremereignisse (Crashs) als die Glockenkurve vorhersagt. Nassim Taleb nennt dies “Black Swans” – seltene, aber extreme Ereignisse, die das Modell unterschätzt.
Das größte praktische Problem: Sie müssen zukünftige Renditen, Volatilitäten und Korrelationen schätzen – aber Sie kennen die Zukunft nicht. Kleine Fehler in den Schätzungen führen zu drastisch anderen “optimalen” Portfolios. Die Theorie ist sehr sensitiv auf die Inputs.
In Krisenzeiten steigen Korrelationen dramatisch an – plötzlich fallen Aktien UND Anleihen UND Rohstoffe gleichzeitig. Genau dann, wenn Sie Diversifikation am meisten brauchen, funktioniert sie am wenigsten. Finanzkrise 2008 und Corona-Crash 2020 zeigten das deutlich.
Die Theorie ist statisch – sie optimiert für einen Zeitpunkt. Aber reale Anleger haben dynamische Probleme: Transaktionskosten, Steuern, sich ändernde Lebenssituationen. Diese Faktoren sind im klassischen Markowitz-Modell nicht berücksichtigt.
Berühmte Investoren wie Warren Buffett stehen der Portfoliotheorie skeptisch gegenüber. Buffett sagt sinngemäß:
“Diversifikation ist ein Schutz gegen Unwissenheit. Wenn Sie wissen, was Sie tun, brauchen Sie sie nicht.”
Seine Berkshire Hathaway hatte zeitweise 40% des Vermögens in einer einzigen Aktie (Apple) – ein Markowitz-Gräuel. Aber Buffett ist auch kein normaler Anleger, sondern ein Ausnahme-Talent mit 60+ Jahren Erfahrung. Für den durchschnittlichen Anleger gilt: Die Portfoliotheorie funktioniert. Akademische Studien zeigen, dass diversifizierte Portfolios langfristig bessere risikoadjustierte Renditen liefern als konzentrierte Wetten. Die Limitationen sind real, aber die Kernprinzipien bleiben gültig.
Die Moderne Portfoliotheorie von Harry Markowitz bleibt 70 Jahre nach ihrer Veröffentlichung das konzeptionelle Fundament des Portfoliomanagements. Ihre wissenschaftliche Bedeutung liegt in der Etablierung eines systematischen Denkrahmens für Anlageentscheidungen. Vor Markowitz war Investieren eine Kunst, basierend auf Intuition und individueller Aktienanalyse. Nach Markowitz wurde es eine Wissenschaft, basierend auf messbaren Risiken, quantifizierbaren Zusammenhängen und optimierbaren Portfolios. Diese Transformation hat die gesamte Finanzbranche revolutioniert – heute werden Billionen Dollar nach MPT-basierten Strategien verwaltet, von Pensionsfonds über Versicherungen bis zu modernen Robo-Advisorn.
Für Privatanleger ist die Botschaft klar: Sie müssen nicht die Mathematik der Portfoliotheorie beherrschen, aber Sie sollten ihre Prinzipien verstehen und anwenden. Diversifizieren Sie über Anlageklassen hinweg. Verstehen Sie, dass Risiko und Rendite zusammenhängen. Finden Sie das Portfolio auf der Effizienzlinie, das zu Ihrer Risikotoleranz passt. Bleiben Sie dabei und rebalancen Sie regelmäßig. Diese vier Prinzipien sind der Kern erfolgreichen langfristigen Investierens. Die Theorie hat ihre Limitationen – aber trotz dieser Einschränkungen bleibt sie das beste verfügbare Werkzeug für systematisches Portfoliomanagement. Harry Markowitz hat mit 14 Seiten die Finanzwelt für immer verändert.
Dieser Ratgeber basiert auf den grundlegenden wissenschaftlichen Publikationen zur Modernen Portfoliotheorie. Alle Quellenangaben wurden mit Stand Q4 2025 verifiziert.
[1] Markowitz, Harry M. (1952): “Portfolio Selection”, Journal of Finance, Vol. 7, No. 1, S. 77-91
Das Originalwerk zur Modernen Portfoliotheorie – 14 Seiten, die die Finanzwelt veränderten
DOI: 10.2307/2975974
[2] Markowitz, Harry M. (1959): “Portfolio Selection: Efficient Diversification of Investments”, John Wiley & Sons
Erweiterung und Vertiefung der Portfoliotheorie mit praktischen Anwendungen
[3] Statman, Meir (1987): “How Many Stocks Make a Diversified Portfolio?”, Journal of Financial and Quantitative Analysis, Vol. 22, No. 3, S. 353-363
Empirische Untersuchung zur optimalen Anzahl von Aktien für Diversifikation
Alle Quellenangaben wurden mit Stand Q4 2025 überprüft und verweisen auf die grundlegenden wissenschaftlichen Publikationen zur Modernen Portfoliotheorie. Die dargestellten Konzepte repräsentieren den aktuellen Stand der Finanzwissenschaft.
Dieser Ratgeber dient ausschließlich der Information und Bildung. Die Ausführungen stellen keine Anlageberatung dar. Investitionen bergen Risiken einschließlich des Totalverlusts des eingesetzten Kapitals. Vergangene Wertentwicklungen sind keine Garantie für zukünftige Ergebnisse. Die Moderne Portfoliotheorie ist ein wissenschaftliches Modell mit bekannten Limitationen, die im Artikel ausführlich diskutiert werden.
Markus G
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Zuletzt aktualisiert am 6. Januar 2026 by Redaktion
4 Kommentare
Vielen Dank für diesen Artikel! Habe in nur 10 Minuten verstanden, was mein Uniprofessor in 3 Monaten nicht erklären konnte…
Könnte ich vielleicht der den Nachnahmen des Redakteurs erfahren, da ich ihn im Rahmen meiner Seminararbeit angeben muss? Es wäre mir eine große Hilfe. LG
Hallo,
folgender Absatz sind 3 Fehler, ist dadurch schwer zu verstehen:
Ein weiterer Kritikpunkt, der sich aus der Annahme eines perfekten Marktes nach Markowitz ergibt, ist derjenige, dass es hiermit praktisch belegbar erfolgreiche Strategien wie Warren Buffets “Kauf unterbewerteter Unternehmensaktien” (basierend auf Graham) eigentlich NICHT geben dürfte.
Viele Grüße
Martin
Hallo Martin, vielen Dank für deinen Kommentar. Fehler ist behoben 🙂