Börsenpersönlichkeiten: Benjamin Graham

Er mag nicht so berühmt sein wie ein Warren Buffett, so spektakulär wie ein Michael Burry, doch ohne ihn wären deren Erfolge an den Börsen dieser Welt nicht möglich oder nur bedingt möglich gewesen. Die Rede ist von Benjamin Graham, der in der Börsenwelt als der Begründer der fundamentalen Wertpapieranalyse und des sogenannten Deep Value Investings gilt. Doch was für ein Mensch war Benjamin Graham? Worin besteht seine Investmentstrategie genau und was hat er der Börsenwelt hinterlassen? Genau das möchte ich Dir heute zeigen.

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Martin B.

20. Mai 2020

Benjamin Graham

20. Mai 2020

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Lass uns hierzu zurück  zu den Anfängen der Börsenwelt kehren und dabei einen Investment-Ansatz betrachten, dem nicht nur einige der erfolgreichsten Börsenhändler ihren Ruhm verdanken, sondern mittlerweile nicht mehr nur eine Strategie darstellt, sondern den Status einer Philosophie erreicht hat.

Außerdem möchte ich dir zeigen, warum Benjamin Graham einen Zigarrenstummel als Metapher nutzte und was er mit Mr. Market meint.

Video: Originalaufnahmen von Benjamin Graham

Wer war Benjamin Graham?

Benjamin Graham gilt auch heute noch als einer der erfolgreichsten Mentoren der Börsengeschichte. Persönlichkeiten wie Irving Kahn, Charles Brandes, Walter Schloss und die Investment-Legende Warren Buffett lernten bei ihm und bauten ihren Erfolg auf seinen Theorien auf.

Wie lautete Benjamin Grahams Grundsatz?

Sein Grundsatz, Aktien nur dann zu kaufen, wenn ihr Kurs unter dem Sachwert des jeweiligen Unternehmens liegt, hat ihm im Laufe seiner Karriere nachhaltig gute Renditen beschert. Darüber hinaus stand bei ihm stets auch der Sicherheitsgedanke im Fokus, den er durch die Margin of Safety (Sicherheitsmarge) in seiner Theorie und seinem handeln bei Investments verankerte. Bis zu seinem Ruhestand im Jahre 1956 konnte seine 1926 gegründete Investmentgesellschaft Graham-Newman Corp. eine durchschnittliche Jahresrendite von 17% erzielen und damit den Markt deutlich schlagen.

Benjamin Graham Net Net
Diagramm: Die Net Net Strategie wurde von Benjamin Graham entwickelt. In Fachkreisen wird auch vom Deep Value Investing gesprochen. Dahinter verbirgt sich folgende Idee. Der ermittelte Net Current Asset Value liegt unterhalb des Buchwertes, denn im Falle einer Liquidation der Aktiengesellschaft sind die Produktionsanlagen und das restliche Anlagevermögen nicht mehr viel wert, weshalb sie auch nicht berücksichtigt werden sollten. Graham, Oppenheimer testeten den Net Net Ansatz und erzielten dabei im Testzeitraum gute Ergebnisse.

Das Leben des Benjamin Graham alias Benjamin Grossbaum

Benjamin Graham wurde am 9. Mai 1894 in London als Benjamin Grossbaum geboren. Er war der Sohn eines jüdischen Porzellanhändlers, der mit der Familie bereits ein Jahr nach Grahams Geburt nach New York auswanderte. Nach dem ersten Weltkrieg änderte die Familie ihren Nachnamen von Grossbaum in Graham, um keine Nachteile durch einen deutsch klingenden Namen erleiden zu müssen.

Finanzielle Turbulenzen (1903-1914)

Als Grahams Vater im Jahre 1903 starb, geriet das Porzellangeschäft mehr und mehr in wirtschaftliche Schwierigkeiten. Grahams Mutter versuchte, das Familienvermögen zu retten und legte die Reste in Aktien an. Diese wurden jedoch beim großen Aktiencrash im Jahre 1907 wertlos und die Familie lebt fortan in wirtschaftlich äußerst prekären Verhältnissen. Diese Situation soll Graham später unter anderem dazu veranlasst haben, den Sicherheitsgedanken bei seinen Investments groß zu schreiben. Benjamin Graham erhielt nach einigen Missverständnisse ein Stipendium an der Columbia University und machte bereits zweieinhalb Jahre später seinen Abschluss in Mathematik, Englisch und Griechisch.

Benjamin Graham Columbia University
Karte: An der Columbia University studierten neben Benjamin Graham auch Franklin und Theodore Roosevelt. Obama und Eisenhower sind ebenfalls bedeutende Absolventen der Columbia Universität. Quelle: Google Maps

 Die ersten Schritte an der Börse (1914 – 1926)

Graham erhielt zwar viele Stellenangebote von Universitäten und hätte sicherlich eine akademische Karriere machen können. Trotzdem entschied er sich im Jahr 1914, bei der Investment-Firma Newburger, Henderson & Loeb anzuheuern. Dort erkannte man schnell sein analytisches Talent und er wurde Aktienanalyst sowie 1920 auch Partner im Unternehmen.

Der erste große Wurf von Benjamin Graham

Sein erster Coup betraf das Öl-Pipeline-Unternehmens Northern Pipe Line Co.: Die Vermögensgegenstände des Unternehmens enthielten unter anderem hochwertige Anleihen, die im Aktienkurs offenbar nicht eingepreist wurden. Das Unternehmen war an der Börse also stark unterbewertet, so dass Graham die Aktie zunächst für 65 Dollar pro Stück kaufen und drei Jahre später für 110 Dollar pro Stück wieder veräußern konnte.

Die Graham-Newman Corp. und eine Lehrtätigkeit an der Columbia University

Im Jahr 1926 gründeten Benjamin Graham und der Broker Jerome Newman eine eigene Investmentgesellschaft mit dem Namen Graham-Newman Corp. Graham nahm zudem wenig später eine Stelle als Dozent an der Columbia University auf. Beide Tätigkeiten führte Graham bis zu seinem freiwilligen Ruhestand im Jahr 1956 fort. Außerdem schrieb er zwei Bücher, die bis heute in der Welt der Börsenhändler einen großen Stellenwert besitzen:

1. Benjamin Graham – „Security Analysis“ – Wertpapieranalyse (1934)

Das Werk Wertpapieranalyse veröffentlichte Benjamin Graham 1934 in Zusammenarbeit mit David L. Dodd und es enthält tatsächlich sehr viel Theorie zu den wichtigen Kennzahlen der Wertpapieranalyse. Für Anfänger ist dies jedoch meiner Meinung nach etwas zu schwere Kost. Fortgeschrittene und Profis dürften jedoch auch heute noch ihre helle Freude an den Einsichten und dem Zahlenwerk haben.

2. Benjamin Graham – „The intelligent Investor“ – Intelligent Investieren (1949)

Das Buch ist so etwas wie die Bibel des Value Investings. Laut Warren Buffett gibt es bis heute kein besseres Buch zu diesem Thema. In dessen Biografie wird erwähnt, dass Buffett dieses Buch dazu gebracht hat, sein Studium bei Graham zu beginnen. Wenn Du Dich also für das Value Investing interessierst, solltest Du dieses Werk von Graham unbedingt lesen. Es enthält zudem klare Vorgaben, was beim Investieren an der Börse beachtet werden sollte.

War Benjamin Graham tatsächlich bankrott?

Auch wenn die Graham-Newman Corp. beim großen Börsencrash 1929 Federn lassen musste (bis zu 70% Verlust) und Graham persönlich Gerüchten zufolge sogar zeitweise bankrott war, konnte er das Ruder später wieder rumreißen. Vor allem mit seiner Anlagestrategie des Value Investings gelang es ihm, das Kapital seiner Anleger zurückzugewinnen und danach dauerhaft satte Gewinne (17% pro Jahr im Durchschnitt) einzufahren sowie den Markt zu schlagen.

Die späten Jahre (1956 – 1976)

1956 verabschiedete sich Graham in den Ruhestand und zog später nach Los Angeles, wo er noch einmal eine Lehrtätigkeit annahm. Seinen Lebensabend verbrachte er habjährlich in La Jolla, Kalifornien und Aix-en-Provence in Südfrankreich, wo er am 21. September 1976 im Alter von 82 Jahren verstarb.

Benjamin Graham Aix-en-Provence
Karte: Benjamin Graham liebte die Aix-en-Provence. Mit 82 Jahren ist Benjamin Graham dort gestorben. Bildquelle Google Maps

Die Geburtsstunde des Value Investing – Benjamin Grahams Theorie

Genaue Zahlenberichte über die Erfolge Grahams an der Börse existieren zwar nicht, jedoch sind seine Jahresrenditen in der Geschichte der Wallstreet einzigartig. Gerade nach der großen Weltwirtschaftskrise schaffte er es, die Umstände richtig einzuschätzen und mit seinem Investmentansatz traumhafte Gewinne zu erzielen.

Doch wie genau hat er das angestellt? Werfen wir einen genaueren Blick auf das Value Investing nach Benjamin Graham.

“An investment operation is one which, upon thorough analysis, promises safety of principal and an adequate return. Operations not meeting these requirements are speculative.” – Benjamin Graham

Fundamentalanalyse nach Benjamin Graham: Kaufe nur unterbewertete Unternehmen

Die Grundlage des Value Investing nach Benjamin Graham ist ganz klar die fundamentale Unternehmensanalyse mit dem Fokus auf Sachwerten. Ein Unternehmen wird im Hinblick auf seine Vermögenswerte und Schulden genau unter die Lupe genommen. Dabei soll vor allem die folgende Frage beantwortet werden:

>> Wie viel Geld würde eine sofortige Liquidation des Unternehmens heute einbringen?

Dieser Wert wird auf die Aktien umgeschlagen. Liegt der Liquidationserlös pro Aktie höher als ihr aktueller Kurs, ist das entsprechende Unternehmen unterbewertet. Der Kauf von Aktien solch unterbewerteter Unternehmen verspricht unter Berücksichtigung weiterer Faktoren eine gute Rendite bei gleichzeitig überschaubarem Risiko.

Unterbewertung nach Benjamin Graham ermitteln

Mit einem ganz simplen Beispiel möchte ich dies für Dich verdeutlichen:

Benjamin Graham Tabelle Unterbewertung_1

Benjamin Graham bezeichnete den Liquidationswert auch als den inneren Wert eines Unternehmens. Er ging zudem davon aus, dass der Aktienkurs sich dauerhaft immer wieder diesem inneren Wert annähern wird. Wenn ich als Investor also heute sehe, dass der Aktienkurs deutlich unter dem inneren Wert liegt, kann ich mit einem Kauf der Aktie in der Zukunft einen satten Gewinn einfahren.

Warren Buffett fasste den Ansatz des Value Investing deshalb treffend mit der Aussage zusammen: „Kaufe einen Dollar, aber bezahle nicht mehr als 40 Cent dafür.“

Video: Grundlagen des Value Investings nach Benjamin Graham, Quelle: Youtube

Wie lässt sich der Liquidationswert richtig ermitteln?

Der Knackpunkt der Strategie des Value Investing nach Benjamin Graham liegt also darin, den inneren Wert eines Unternehmens möglichst genau abzuschätzen. Der gesunde Menschenverstand würde zunächst folgendermaßen vorgehen:

Vermögen – Schulden = Liquidationswert des Unternehmens

Dieser Ansatz ist relativ simpel, zumal sich diese Differenz als Eigenkapital (Buchwert) in der Bilanz eines Unternehmens einfach ablesen lässt. Auf dieser Basis könntest Du zudem mit dem Kurs-Buchwert-Verhältnis (KBV) direkt erkennen, ob ein Unternehmen unterbewertet ist oder nicht.

Benjamin Graham KBV ermitteln

Formel: Suche KBVs mit einem Wert von unter drei. Buchautor und Profitrader Bulkowski wird noch etwas konkreter und empfiehlt ein KBV von unter 2,11. Unternehmen mit einer Marktkapitalisierung von einer Milliarde US-Dollar sollten ein KBV von unter 1,7 ausweisen. In diesem Fall wäre die Aktiengesellschaft ein Kaufkandidat.

Ein Kurs-Buchwert-Verhältnis von unter 1 würde somit bedeuten, dass der Buchwert pro Aktie größer ausfällt als der Aktienkurs. Auch hierzu habe ich mal ein Beispiel angefertigt:

Benjamin Graham Unterbewertung Tabelle_2
In diesem Fall wäre der Buchwert 100 Euro. Bei 10 ausgegebenen Aktien läge der Buchwert pro Aktie also bei 10 Euro. Bei einem Aktienkurs von 8 Euro könnten wir beide Werte in unsere Formel einsetzen:

Benjamin Graham KBV Beispielrechnung

Das Ergebnis wäre ein KBV von 0,8 und damit ein klarer Indikator für eine Unterbewertung.

Liquidationswert nach Benjamin Graham – der NCAV-Ansatz

In der Praxis ist es bei Liquidationen von Unternehmen normalerweise so, dass ein Unternehmen nur sehr selten zum kompletten Buchwert verkauft werden kann. Oft müssen noch Abschläge bei den Vermögenswerten gemacht werden, die nicht mehr ihrem Buchwert entsprechen.

Einige Beispiele sind:

– Veraltete Produktionsanlagen haben nur noch Schrottwert
– Vorräte sind nicht mehr zu gebrauchen
– Es gibt andere rechtliche Risiken und Kostenfallen
– Vorzugsaktien
– Off-Balance Sheet Verpflichtungen

Benjamin Graham hat bereits in den 1930er Jahren entdeckt, dass der Ansatz des Buchwerts als inneren Wert eines Unternehmens zu kurz gegriffen ist. Zudem hat die große Weltwirtschaftskrise ihn zu einem noch konservativeren Ansatz gebracht: dem Net Current Asset Value (NCAV).

Aus Beobachtungen von Unternehmensverkäufen an Dritte und von bankrotten Unternehmen fand er heraus, dass sich das Preisniveau jeweils in etwa auf der Höhe des jeweiligen NCAV-Werts befand. Dieser lässt sich auf zweierlei Arten berechnen:

1. Auf Basis des Working Capitals (Umlaufvermögen)

Hier ziehst Du vom Umlaufvermögen einfach die kurz- und langfristigen Verbindlichkeiten ab. In unserem Beispiel liegt der NCAV somit bei 20 und schlussendlich ziemlich weit weg vom Buchwert in Höhe von 100.

2. Auf Basis des Buchwerts (Eigenkapital)

Bei dieser Berechnung wird einfach das Anlagevermögen vom Eigenkapital abgezogen. Das Ergebnis ist mit 20 natürlich genau das Gleiche.
Würden wir nun eine Bewertung auf Basis eines Aktienkurses von 8 Euro durchführen, sähe das Ergebnis deutlich anders aus:

Benjamin Graham Tabelle_3

Der NCAV-Ansatz ist somit deutlich konservativer als der Buchwert-Ansatz. Da er sich in Grahams Praxis jedoch bewährt hat, scheint er eine deutlich höhere Treffsicherheit zu besitzen. Unsere Beispiel-Aktie wäre demnach erst ab einem Kurs von unter 2 Euro wirklich interessant für ein Investment.

Die Sicherheitsmarge nach Benjamin Graham

Der konservative Ansatz des inneren Werts eines Unternehmens ist durchaus dazu geeignet, Fehl-Investments durch das Value Investing deutlich zu reduzieren. Benjamin Graham ging jedoch noch einen Schritt weiter und hat bei der Transaktion auch noch eine Sicherheitsmarge (Margin of Safety) eingebaut. Er selbst arbeitete mit einer Marge von 33%, die ihn vor Fehlschlägen absichern sollte. In unserem Beispiel hätte das die folgenden Auswirkungen:

Benjamin Graham Value Investing Tabelle_4
Demnach wäre der Kauf dieser Aktie nur dann interessant, wenn der Kurs unter 1,33 Euro fiele. Ein noch deutlicherer Unterschied im Vergleich zur Betrachtung des Buchwertes.

Investieren wie Benjamin Graham – warum der Aktienkurs eine verfälschte Größe ist!

“Wall Street people learn nothing and forget everything” – Benjamin Graham
“The intelligent investor is a realist who sells to optimists and buys from pessimists.” – Benjamin Graham
“In the short run, the market is a voting machine but in the long run, it is a weighing machine.” – Benjamin Graham

Die drei obigen Zitate zeigen sehr klar die Sicht von Benjamin Graham auf das normale Treiben an der Börse. Demnach sagt der Börsenkurs zunächst einmal nicht viel über ein Unternehmen aus. Er erklärt lediglich, welchen Wert die Akteure an der Börse dem Unternehmen aktuell beimessen und wie schnell sich das Blatt auf dem Börsenparkett wenden kann.

Mr. Market und seine Launen – wie Benjamin Graham die Börse sieht

Eine sehr bekannte Metapher von Benjamin Graham ist Mr. Market. Diesem Namen gab er der Börse, die er mit einem manisch-depressiven Menschen verglich. Einzig dessen Stimmung entscheide darüber, zu welchem Preis er Aktien kauft oder verkauft. Dies lässt sich tatsächlich sehr gut auf das Börsengeschehen übertragen:

– Gute Stimmung: die Mehrzahl der Akteure kauft und die Kurse steigen
– Schlechte Stimmung: die Mehrzahl der Akteure verkauft und die Kurse fallen

Aus Grahams Sicht hat demnach der Marktpreis von Unternehmen nichts oder nur sehr wenig mit deren wirklichem Wert zu tun. Wer sich hingegen den inneren Wert eines Unternehmens anschaut, kennt den richtigen Zeitpunkt für einen Kauf und auch einen Verkauf von Aktien an der Börse.

Wie Benjamin Graham die Launen von Mr. Market für sich nutzte

Nach Grahams Lehre des “Value Investing” ist es eigentlich ganz einfach, die Launen von Mr. Market für sich zu nutzen. Der Value Investor wartet demnach ab, bis Mr. Market depressiv ist (schlechte Stimmung) und auch gute Unternehmen zu sehr günstigen Preisen verkauft. Nach dem Kauf wartet der kluge Value Investor einfach, bis sich die Laune von Mr. Market wieder aufgehellt hat (deutlich verbesserte Stimmung) und verkauft ihm die Aktien zu deutlich höheren Kursen wieder.

Was hier wie eine lustige Metapher klingt, ist erstaunlicherweise tatsächlich ein Umstand, den Du Dir als Investor in sehr vielen Situationen zu Nutze machen kannst. Der Sachverhalt dahinter ist ganz einfach.

Beispiel – So nutzt du die Launen von Benjamin Grahams “Mr. Market”!

Stell Dir ein gut positioniertes Unternehmen vor, welches zu einem Kurs von 30 Euro gehandelt wird. Plötzlich kommen schlechte Konjunkturdaten auf und an der Börse geben die Kurse plötzlich um 2% nach. Glaubst Du wirklich, dass das Unternehmen an einem Tag tatsächlich 2% an Wert verloren hat?

Viel wahrscheinlicher ist doch, dass die Börsenkateure leicht panisch reagiert haben und ein gut positioniertes Unternehmen die 2% Kursverlust schnell wieder reinholt. Du kannst es aber zum besagten Zeitpunkt trotzdem zwei Prozent günstiger erwerben.

Benjamin Graham Mr Market - Daimler
Chart: Während der Finanzkrise 2008 ist der Aktienkurs von Daimler binnen eines Jahrs von knapp 80 Euro auf unter 20 Euro gefallen. Der Konzern war nur noch ein Viertel so viel wert! Haben sich die Produktionshallen, Verkäufe, Patente und das Image auch geviertelt? Nein! Einzig die Panik der Aktionäre hat den Kursverfall losgetreten. Bedenke das bei der nächsten Krise! Danach geht es immer bergauf, zumindest bei Unternehmen aus dem DAX! Quelle: Ariva

Schwachstellen des Value Investing nach Benjamin Graham

Das Value Investing nach Benjamin Graham ist eine durchdachte Theorie, die große Gewinnchancen bei überschaubarem Risiko bietet. Dies ist allerdings hauptsächlich dann der Fall, wenn es an der Börse turbulent zugeht. In ruhigeren Zeiten finden sich nämlich nur sehr wenige Unternehmen, die die Kriterien erfüllen.

Darüber hinaus sind auch folgende Aspekte zu bedenken:

– Unternehmen mit einem niedrigen inneren Wert können mitunter rasant weiter an Wert verlieren
– Value Investing ist aufgrund der hohen Ansprüche an das Timing und der Diversifizierung zeitintensiver als andere Strategien
– Durch die Notwendigkeit häufiger Verkäufe fallen höhere Steuern an

Auch wenn mich der ein oder andere Leser jetzt verurteilen wird, die Charttechnik kann für das Timing sehr nützlich sein. Mithilfe von Unterstützungslinien und unter Hinzunahme von Indikatoren kann eine Bodenbildung verifiziert werden. Erst dann würde ich ein Investment tätigen.

Aktienanalyse nach Benjamin Graham – welche Aktien ein Investor auswählen sollte

Der Ansatz für das Value Investing war in der Zeit nach der großen Weltwirtschaftskrise ein sehr guter Gedanke, denn es gab viele Unternehmen, die am Rande einer Pleite standen und unterbewertet waren. Das hat auch den Begriff vom „Cigar-butt Investing“ (Investieren in Zigarrenstummel) geprägt.

Was meint Benjamin Graham mit dem Zigarrenstummel?

Graham verglich solche Unternehmen demnach mit einem Zigarrenstummel, den man auf der Straße findet. Oft kann man nur noch einmal dran ziehen, aber durch den niedrigen Preis wird die Investition trotzdem sehr profitabel. Grahams hohe Renditen nach der Krise haben bewiesen, dass er mit dieser These richtig lag.
Trotzdem hat Graham natürlich auch noch weitere Überlegungen zur Auswahl passender Aktien angestellt, die ich Dir hier ebenfalls vorstellen möchte.

Den zukünftigen inneren Wert berechnen – die Graham-Formel

Bei Wachstumsaktien ist es für einen Value Investoren natürlich sehr wichtig, den inneren Wert eines Unternehmens auch für einen Zeitpunkt in der Zukunft zumindest grob schätzen zu können. Zu diesem Zweck hat Graham in seinem Buch „Wertpapieranalyse“ in der Ausgabe von 1962 die sogenannte Graham-Formel entwickelt. Sie ähnelt dabei dem fairen KGV von Nicolas Schmidlin oder dem Absolute PE-Ansatz von Vitaly Katsenelson, wurde jedoch früher ins Leben gerufen.

Wie sieht die Graham-Formel aus?

Die Graham-Formel sieht auf den ersten Blick relativ einfach aus:

V*= Gewinn je Aktie x (8,5 + 2g)

V* ist dabei der intrinsische Wert des Unternehmens unter Wachstumsbedingungen und “g” die Wachstumsrate des Unternehmens, wobei die der Gewinn für die nächsten 7-10 Jahre betrachtet werden sollte. Die “8,5” stellen das unterstellte Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) bei Nullwachstum dar. Später hat Graham die Formel noch um das Verhältnis aus dem damals risikolosen Zins (4,4%) und dem jeweils aktuellen risikolosen Zins (Y) erweitert.

Die Graham-Formel dient dazu, eine Schätzung und Fortschreibung des inneren Wertes für die Zukunft anzustreben. Mit einem solchen relativen Bewertungsverfahren kannst Du danach einen auf Deiner Schätzung beruhenden inneren Wert errechnen und somit für Dich einen Einstiegspunkt als Investor festlegen.

Ein Beispiel für die Graham-Formel

Die Test AG weist ein jährliches Gewinnwachstums von 6% und der Gewinn pro Aktie beträgt 2,80 Euro.
Demnach errechnet sich der innere Wert nach der Graham-Formel folgendermaßen:

2,80 Euro * (8,5+2*6) = 57,40 Euro

Somit gibt die Formel Dir einen guten Hinweis, ab welchem Aktienkurs sich ein Investment unter Umständen lohnt. Fällt der Aktienkurs also unter die Grenze, gilt das Unternehmen als unterbewertet. Doch selbst Graham warnte schon davor, die Formel als einzigen Maßstab für die Bewertung zu nutzen.

Als Investor solltest Du Dich zusätzlich stets mit dem Unternehmen beschäftigen und Dir ein genaueres Bild verschaffen. Darüber hinaus ist es wichtig, dass Du für Dich auch noch eine Sicherheitsmarge festlegst und diese vom errechneten inneren Wert abziehst.

Was ist im Umgang mit der Graham-Formel zu beachten?

Wenn Du die Graham-Formel als Entscheidungshilfe nutzen möchtest, solltest Du dir vorher über einige Aspekte klar werden:

  • Hoher Faktor der Wachstumsrate: Die 2g in der Graham-Formel messen der Wachstumsrate eines Unternehmens eine recht hohe Bedeutung zu. Bei hohen Wachstumsraten ergibt dies sehr schnell sehr hohe Beträge für den inneren Wert. Aus diesem Grund kann es sinnvoll sein, den Faktor von 2 auf 1,5 oder gar 1 zu senken.
  • Durchschnittliche Gewinne nutzen: Der festgelegte Gewinn pro Aktie sollte laut Graham aus normalisierten durchschnittlichen Gewinnen der letzten 3-5 Jahre genutzt werden, um Verfälschungen zu minimieren.
  • Manipulationsträchtige Größe Gewinn: Der Gewinn eines Unternehmens ist eine Größe, die sich relativ leicht manipulieren lässt. Aus diesem Grund kann es sinnvoller sein, auf Cash Flow Größen zurückzugreifen, da diese weniger anfällig sind

Solltest Du diese Aspekte mit einflechten, kann die Graham-Formel durchaus nützlich sein. Durch ihren hohen Wachstumsfaktor setzt sie den inneren Wert jedoch ziemlich hoch an. Eventuell kann es hilfreich sein, die Sicherheitsmarge zusätzlich etwas zu erhöhen, um am Ende keine bösen Überraschungen zu erleben.

Grahams Testament – die 10-Punkte-Checkliste zur Aktienauswahl

Benjamin Graham Daimler fundamentale Kennzahlen
Bild: Ariva bietet zu jeder Aktie eine Übersicht aller relevanter Kennzahlen. Daimler besitzt ein 2017er KBV von 1,18. Der Wert allein ist mit Vorsicht zu genießen und sollte unbedingt mit den Daten anderer Automobilkonzerne verglichen werden. Quelle: Ariva.de

Die 10-Punkte-Checkliste zur Aktienauswahl ist ein weniger bekanntes Instrument von Benjamin Graham. Dies liegt aber hauptsächlich an der Tatsache, dass er diese erst kurz vor seinem Tod veröffentlicht hat. Trotzdem haben Backtests gezeigt, dass sich unter Einhaltung der Checkliste oder bestimmter Einzelpunkte Aktienrenditen von 20% mehr und mehr pro Jahr erzielen ließen.

Welche Punkte enthält die Benjamin Graham Checkliste?

Die 10 Punkte zur Aktienauswahl lassen sich grob in zwei Bereiche einteilen:

Preis (Return)

1. Gewinnrendite > 2 x Anleihezinsen (Anleihen mit AAA-Rating)

2. KGV < 40% des höchsten KGV über die letzten 5 Jahre

3. Dividendenrendite > zwei Drittel der für eine Anleihe mit einem AAA-Rating

4. Aktienkurs < zwei Drittel des materiellen Buchwerts

5. Aktienkurs < zwei Drittel des NCAV

Risiko

6. Schulden < Eigenkapital

7. Liquiditätsgrad > 2

8. Gesamtschulden < 2 x NCAV

9. Gewinnwachstum der letzten 10 Jahre > durchschnittlich 7% p.a.

10. Maximal zwei Gewinnrückgänge von 5% oder mehr in den letzten 10 Jahren

Als besonders wirksam hat sich eine Kombination der Punkte 1,3 und 6 oder 1,2, 6 und 7 herausgestellt.

Welche Probleme ergeben sich heute mit der Checkliste?

Das Hauptproblem der Checkliste besteht darin, dass es heute kaum Aktienwerte gibt, die wirklich alle 10 Kriterien auf der Liste erfüllen. Werden jedoch Aktienwerte mit den oben genannten Kombinationen aus Checkpunkten ausgewählt, kannst Du im Durchschnitt bereits beachtliche Renditen erzielen.

Wie kann die Checkliste von Benjamin Graham heute genutzt werden?

Benjamin Grahams Testament ist auch heute noch aktuell und kann für Dich als Trader bzw. Investor sehr wertvoll sein. Da es jedoch schwierig ist, heute Aktien zu finden, die alle Kriterien erfüllen, bietet die Checkliste vor allem drei Funktionen:

1. Vorsortierung von Aktienwerten

Du kannst die Checkliste nutzen, um Aktienwerte anhand der Kriterien vor zu sortieren. Du legst eine bestimmte Untergrenze von erfüllten Kriterien fest (4-7) und suchst Dir aus der Auswahl an Aktien die heraus, die Deinen Vorstellungen entsprechen.

2. Auswahlkriterium mit eingeschränkten Werten

Solltest Du die Checkliste wirklich als Filtermöglichkeit nutzen und Dich auf die ausgewählten Aktien konzentrieren wollen, ist es wichtig, die Zahl der Kriterien etwas einzuschränken. Eine Konzentration auf die 3-4 relevantesten Kennzahlen ist dabei sehr hilfreich.

3. Grundlage für eigene Investmentstrategie

Als Anfänger im Value Investing kannst Du mithilfe der Checkliste zunächst einmal eine erste Orientierung nutzen. Auf Basis dieser Orientierung wird es dann später einfacher, Deine eigenen Kriterien zu formen und somit Deinen Investmentstil herauszubilden.

Benjamin Graham – eine Investment-Legende des 20. Jahrhunderts

Benjamin Graham ist ohne Zweifel eine Legende unter Börsenfans. Seine Theorien haben Tausende von Investoren inspiriert und mit Warren Buffett zudem den berühmtesten Aktieninvestor überhaupt hervorgebracht. Seine Investments sind für viele Anlager bereits zu seinen Lebzeiten das Mass aller Dinge.

Die Lehren Grahams sind in gewissen Bereichen zeitlos, auch wenn wir heute bestimmte Einzelwerte an die neue Zeit anpassen müssen. Mit seinen beiden Büchern „Wertpapieranalyse“ und „Intelligent Investieren“ hat sich Benjamin Graham zudem zwei Denkmäler gesetzt. Die Bücher werden auch heute noch von Börsenfans verschlungen und gehören zur Pflichtlektüre für Value Investoren.

Und zu guter Letzt abschließend noch eine Börsen-Weisheit a la Graham, die jeder Anleger im Kopf behalten sollte:

„Zufriedenstellende Investitionsergebnisse zu erzielen ist einfacher, als die meisten Leute glauben. Um aber bessere Ergebnisse zu erzielen, ist es schwieriger als es aussehen mag.“ – Ben Graham

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Martin B.

Martin ist Tradingcoach und unter anderem Mitbegründer der Trademy Trading Akademie. Zudem ist Martin Kolumnist bei Wallstreet-Online.de, Sharewise und anderen großen Finanzplattformen sowie Buchautor. Insofern also ein Experte im Bereich Trading und allem, was mit Geldanlage & Börse zu tun hat. Großen Einfluss auf sein ökonomisches Weltbild haben die Publikationen von Karl-Heinz Paqué und Joseph Schumpeter. Als Börsianer inspirieren ihn die Ansätze von Buffett, Burry, Livermore und Lynch. Martin ist Gastautor bei uns und bereichert uns zweifelsohne mit seinem fundierten Börsenwissen.
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