Börsen-Persönlichkeiten: Walter Schloss

Wer Walter Jerome Schloss (1916-2012) nicht kennt, befindet sich in guter Gesellschaft – sein Name ist den meisten Anlegern kaum geläufig. Diese fehlende Bekanntheit darf jedoch keinesfalls mit Bedeutungslosigkeit verwechselt werden. Im Gegenteil: Schloss gehört zu den erfolgreichsten Investoren in der Geschichte der Börse und erzielte über 47 Jahre eine durchschnittliche jährliche Rendite von 16% nach Gebühren – verglichen mit lediglich 10% beim S&P 500 im selben Zeitraum. Zeit sich das Leben und Schaffen dieses außergewöhnlichen Investors einmal näher anzusehen.

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Martin B.

Zuletzt aktualisiert am: 27. Oktober 2025

Walter Schloss

Zuletzt aktualisiert am: 26. April 2020

Inhaltsverzeichnis

Als gebranntes Kind des verheerenden Börsencrashs von 1929, der seine Familie in den Ruin trieb, schaffte Schloss später den Einstieg bei Benjamin Grahams legendärer Investmentfirma Graham-Newman Corp. Dort lernte er vom Vater des Value Investing persönlich – und teilte sich zeitweise sogar ein Büro mit Warren Buffett.

Was Schloss besonders auszeichnet: Er blieb seiner ursprünglichen Graham-Philosophie über fünf Jahrzehnte treu, während andere wie Buffett ihre Strategien weiterentwickelten. Diese Beständigkeit, kombiniert mit außergewöhnlicher Disziplin und Integrität, macht sein Lebenswerk zu einer Lehrbuchstudie erfolgreichen Value Investing. Dieser umfassende Artikel beleuchtet Leben, Strategie und das anhaltende Vermächtnis eines der am meisten unterschätzten Börsenpioniere.

Walter Schloss -Crash an der Börse
Der Börsencrash von 1929 prägte Walter Schloss’ gesamte Investmentphilosophie. 90 Prozent des Aktienvermögens lösten sich bis 1932 in Luft auf, und erst 22 Jahre später markierte der Dow Jones ein neues Hoch. Diese traumatische Erfahrung führte zu Schloss’ lebenslangem Fokus auf Kapitalerhaltung. Quelle: Boerse.de

Wer war Walter Schloss? Biografie eines Value-Investing-Pioniers

Frühe Jahre und der prägende Börsencrash (1916-1934)

Walter Jerome Schloss wurde am 28. August 1916 in New York City als Sohn einer jüdischen Kaufmannsfamilie geboren. Seine Eltern waren Jerome H. Schloss und Evelyn Gomprecht Schloss. Die Familie gehörte zunächst zur wohlhabenden Mittelschicht und bot dem jungen Walter eine behütete Kindheit in Manhattan, wo er die Franklin School besuchte.

Der Börsencrash von 1929 veränderte alles fundamental. Die Familie verlor nahezu ihr gesamtes Vermögen in der Katastrophe, die die Weltwirtschaft in die Große Depression stürzte. Diese traumatische Erfahrung – der plötzliche Absturz von Wohlstand in finanzielle Unsicherheit – prägte Schloss’ gesamte Investmentphilosophie. Der Verlust machte ein College-Studium unmöglich, was später zu einer der bemerkenswertesten Erfolgsgeschichten der Wall Street führen sollte: ein Investor ohne formale Hochschulbildung, der die Märkte vier Jahrzehnte lang dominierte.

Erste Schritte an der Wall Street (1934-1942)

Im Jahr 1934, im Alter von 18 Jahren, begann Schloss seine Karriere an der Wall Street als “Runner” (Laufbursche) bei Carl M. Loeb & Co., einem angesehenen Investmenthaus. Seine Aufgabe bestand im Wesentlichen darin, Wertpapiere zwischen verschiedenen Brokerage-Häusern und Banken zu transportieren – eine bescheidene Position, die jedoch den Vorteil bot, das Börsengeschehen aus nächster Nähe zu beobachten.

Ein schicksalhafter Moment ereignete sich, als Schloss sich als Analyst bewarb und abgelehnt wurde. Armand Erpf, ein Partner der Firma, der die Statistikabteilung leitete, empfahl ihm jedoch die Lektüre eines neu erschienenen Buches: Security Analysis von Benjamin Graham und David Dodd, das 1934 publiziert worden war. Dieses Werk sollte zum Grundstein des modernen Value Investing werden – und Schloss’ Leben für immer verändern.

Die Firma finanzierte Schloss’ Teilnahme an Kursen, die Graham am New York Stock Exchange Institute gab. Graham musste diese Kurse nach seinen eigenen verheerenden Verlusten im Crash von 1929 unterrichten, um seinen Lebensunterhalt zu sichern. Zu Schloss’ Klassenkameraden gehörte Gus Levy, der spätere Chairman von Goldman Sachs. In diesen Kursen lernte Schloss die Grundlagen der fundamentalen Wertpapieranalyse und entwickelte ein tiefes Verständnis für Grahams Konzept der “Margin of Safety” (Sicherheitsmarge).

Militärdienst im Zweiten Weltkrieg (1942-1945)

Am 8. Dezember 1942, einen Tag nach dem Angriff auf Pearl Harbor, meldete sich Schloss zur US Army. Er stieg zum Second Lieutenant auf und diente im US Signal Corps im Iran, wo er für militärische Kommunikationsinfrastruktur verantwortlich war. Den Abschluss seines Militärdienstes absolvierte er im Pentagon in Washington D.C.

Diese Jahre unterbrachen zwar seine Börsenkarriere, vermittelten ihm jedoch Disziplin, strukturiertes Denken und die Fähigkeit, unter Druck rationale Entscheidungen zu treffen – Eigenschaften, die später seine Investmentkarriere charakterisieren sollten.

Graham-Newman Corp. und die Freundschaft mit Buffett (1946-1955)

Nach Kriegsende 1945 erhielt Schloss eine Einladung, die sein Leben verändern sollte: Benjamin Graham bot ihm eine Position als Wertpapieranalyst bei der Graham-Newman Corp. an. Offensichtlich hatte Schloss seinen Lehrer in den Vorkriegskursen nachhaltig beeindruckt.

Bei Graham-Newman lernte Schloss die praktische Anwendung der Value-Investing-Prinzipien. Besonders bedeutsam wurde seine Freundschaft mit Warren Buffett, Grahams Musterschüler, der 1951 zur Firma stieß. Zeitweise teilten sich Schloss und Buffett ein Büro – ein historisches Zusammentreffen zweier zukünftiger “Super-Investoren”. Während Buffett später Grahams Ansatz weiterentwickelte und qualitative Faktoren integrierte, blieb Schloss der reinen Graham-Methodik treu.

Die Arbeit bei Graham-Newman war intensiv und lehrreich. Schloss spezialisierte sich auf die Identifikation von “Net-Net-Stocks” – Unternehmen, die unter ihrem Nettoumlaufvermögen handelten. Diese Strategie, die Graham nach seinen Verlusten von 1929 entwickelt hatte, fokussierte sich auf Kapitalerhaltung bei gleichzeitig signifikantem Aufwärtspotential.

Gründung von Walter J. Schloss Associates (1955)

Als Benjamin Graham 1956 seinen Ruhestand ankündigte, stand Schloss vor einer Entscheidung. Im Jahr 1955 gründete er Walter J. Schloss Associates und begann, eigenverantwortlich Kapital zu verwalten. Die Startbedingungen waren spartanisch: Schloss mietete sich als Untermieter bei Tweedy, Browne & Company ein – Warren Buffett beschrieb den Raum später als “einen Teil eines Besenschranks”.

Diese bescheidenen Anfänge reflektierten Schloss’ grundsätzliche Lebensphilosophie: Sparsamkeit, Vermeidung unnötiger Kosten und Fokus auf das Wesentliche. Die gesamte “Infrastruktur” bestand aus einem Schreibtisch, einem Telefon und einem monatlichen Abonnement der Value Line Investment Survey – keine Computer, keine Analysten-Teams, keine Bloomberg-Terminals.

Partnerschaft mit Sohn Edwin (1973-2002)

Im Jahr 1973 trat Schloss’ Sohn Edwin Walter Schloss in die Firma ein. Die Partnerschaft wurde in Walter & Edwin Schloss Associates umbenannt. Vater und Sohn entwickelten eine außergewöhnlich enge Arbeitsbeziehung, die von gegenseitigem Respekt und geteilter Investmentphilosophie geprägt war. Freunde beschrieben, wie die beiden bei Gesprächen wie eine Person klangen – so synchron waren ihre Denkweisen.

Edwin brachte eine gewisse Vorsicht in die Partnerschaft ein. Auf die Frage nach dem häufigsten Fehler der Firma antwortete er: “Zu Beginn zu aggressiv zu sein.” Diese Disziplin, Positionen schrittweise aufzubauen, wurde zu einem Markenzeichen des Schloss-Ansatzes.

Ruhestand und letzte Jahre (2002-2012)

Im Jahr 2002 schloss Schloss im Alter von 87 Jahren seine Partnerschaft und trat in den Ruhestand. Bis 2003 verwaltete er noch persönliches Kapital, beendete dann jedoch das aktive Investment-Management vollständig. Die Entscheidung erfolgte nicht aus Notwendigkeit, sondern aus dem Wunsch, mehr Zeit mit Familie zu verbringen und andere Interessen zu verfolgen.

Schloss heiratete zweimal: Seine erste Frau Louise (Filer) Schloss verstarb; 2001, im Alter von 85 Jahren, heiratete er Ann (Pearson) Schloss, die er 2000 auf einer Frankreich-Tour kennengelernt hatte. Die gemeinsame Liebe zu Reisen, Theater und Familientreffen brachte dem Paar ein Jahrzehnt des Glücks.

Walter Schloss verstarb am 19. Februar 2012 im Alter von 95 Jahren an Leukämie in seinem Zuhause in Manhattan, umgeben von seiner Familie. Er hinterließ drei Kinder (Edwin Walter Schloss, Stephanie Schloss Scott, Samuel Wennberg), seine Schwester Marjorie Isaac sowie mehrere Enkelkinder.

Walter Schloss als Persönlichkeit: Integrität, Bescheidenheit und Arbeitsethos

Der spartanische Investor

Schloss’ Persönlichkeit ähnelte in vielerlei Hinsicht Warren Buffetts frühem Auftreten: ausgeprägte Sparsamkeit, Ablehnung von Status-Symbolen und Fokus auf substanzielle Werte statt oberflächlichen Glanz. Seine “Büroausstattung” blieb über Jahrzehnte minimalistisch. Während andere Fondsmanager Millionen für Penthouse-Büros, Analysten-Teams und modernste Technologie ausgaben, begnügte sich Schloss mit:

  • Einem kleinen gemieteten Raum
  • Einem einzigen Telefon
  • Einem monatlichen Value-Line-Abonnement (Kosten: unter 100 USD)
  • Geschäftsberichten, die er per Post anforderte
  • Keinem Computer (selbst in den 1990er Jahren)

Die jährlichen Betriebskosten der Firma erreichten selbst in späten Jahren nur etwa 11.000 USD – bei Gewinnen von 19 Millionen USD. Diese Kostenstruktur ermöglichte es Schloss, außergewöhnliche Nettorenditen für seine Investoren zu erzielen.

Sein Arbeitsethos und Lebensstil

Im Gegensatz zu vielen modernen Hedgefonds-Managern, die rund um die Uhr arbeiten und unter enormem Stress stehen, pflegte Schloss geregelte Arbeitszeiten: 9:30 Uhr bis 16:30 Uhr – lediglich eine halbe Stunde nach Börsenschluss. Sein Sohn Edwin kommentierte:

“Viele Fondsmanager sorgen sich heute um Quartalsvergleiche der Gewinne. Sie sind wach und beißen sich bis 5 Uhr morgens die Fingernägel ab. Mein Vater sorgte sich nie um Quartalsvergleiche. Er schlief gut.”

Diese Work-Life-Balance resultierte nicht aus Faulheit, sondern aus einer fundamentalen Überzeugung: Kurzfristige Marktschwankungen sind irrelevant, wenn man unterbewertete Vermögenswerte kauft und geduldig auf Wertrealisierung wartet. Schloss’ Ansatz erforderte intensive Arbeit bei der Aktienauswahl, jedoch keine ständige Überwachung der Positionen.

Integrität als Grundprinzip

Warren Buffett hob in seinem Nachruf hervor:

“Er hatte eine außergewöhnliche Investmentperformance, aber noch wichtiger, er setzte ein Beispiel für Integrität im Investment-Management. Walter verdiente niemals auch nur einen Cent an seinen Investoren, es sei denn, diese verdienten selbst signifikant Geld. Er berechnete überhaupt keine fixen Gebühren und teilte lediglich in ihren Gewinnen. Sein treuhänderisches Gewissen war seiner Investmentkompetenz ebenbürtig.”

Schloss war sich stets bewusst, dass er das Geld anderer Menschen verwaltete. Diese Verantwortung nahm er außerordentlich ernst. Sein Gebührenmodell reflektierte diese Haltung:

  • Keine Management-Gebühr: Anders als die Standard “2 and 20” (2% Management Fee, 20% Performance Fee) der Hedgefonds-Industrie
  • Hurdle Rate: Nur wenn der Fonds eine bestimmte Mindestrendite überschritt, erhielt Schloss Vergütung
  • 25% Performance Fee: Oberhalb der Hurdle Rate beanspruchte er ein Viertel der Gewinne
  • Vollständiges Alignment: Schloss verdiente nur, wenn Investoren profitierten

Walter Schloss persönliche Interessen und Leidenschaften

Jenseits der Börse kultivierte Schloss vielfältige Interessen:

  • New York Yankees: Leidenschaftlicher Fan, der die goldenen Ären von Babe Ruth, Lou Gehrig, Joe DiMaggio, Mickey Mantle, Yogi Berra bis zu Derek Jeter miterlebte. Er hörte oder sah 26 der 27 World Series-Siege der Yankees.
  • Vogelbeobachtung: Regelmäßiger Besucher des Central Parks zur Ornithologie
  • Bridge: Exzellenter Bridge-Spieler, was sein analytisches Denken schärfte
  • Reisen: Besonders in späteren Jahren mit seiner zweiten Frau Ann
  • Philanthropie: Diente als Treasurer von Freedom House

Diese Interessen zeugen von einer ausgewogenen Persönlichkeit, die Erfolg nicht auf Kosten der Lebensqualität verfolgte.

Schloss Status als der “unbekannte” Super-Investor

Schloss bevorzugte bewusst ein Leben “unter dem Radar”. Er lehnte die meisten Presseanfragen ab, gab kaum Interviews und mied öffentliche Auftritte. Diese Zurückhaltung hatte mehrere Gründe:

  1. Fokus auf Performance: Publicity lenkt ab von der eigentlichen Arbeit
  2. Schutz der Strategie: Je weniger Nachahmer, desto besser funktioniert Deep Value
  3. Persönliche Präferenz: Schloss war von Natur aus bescheiden und zurückhaltend
  4. Keine Marketing-Notwendigkeit: Mit 92 Investoren (Maximum) bestand keine Notwendigkeit, neues Kapital anzuziehen

Diese Haltung steht im Kontrast zu modernen Fondsmanagern, die aggressive Selbstvermarktung betreiben. Schloss bewies, dass außergewöhnliche Performance für sich selbst spricht.

Die Investment-Strategie von Walter Schloss: Pure Value Investing

Philosophische Grundlage: Benjamin Grahams Vermächtnis

Schloss wurde in seinem Investmentansatz fundamental von Benjamin Graham beeinflusst und blieb dessen Prinzipien über fünf Jahrzehnte treu – länger und konsequenter als jeder andere Graham-Schüler, einschließlich Warren Buffett.

Die Kernphilosophie lässt sich in vier Prinzipien zusammenfassen:

  1. Margin of Safety (Sicherheitsmarge): Kaufe deutlich unter innerem Wert
  2. Mr. Market-Konzept: Nutze irrationale Marktbewegungen aus, anstatt ihnen zu folgen
  3. Kapitalerhalt vor Kapitalwachstum: Vermeidung permanenter Verluste als oberstes Ziel
  4. Quantitativer Fokus: Verlasse dich auf messbare Fakten, nicht auf Narrativ oder Management-Qualität

Der Buchwert als Anker

Das zentrale Bewertungskriterium für Schloss war das Kurs-Buchwert-Verhältnis (KBV). Der Buchwert repräsentiert das Eigenkapital eines Unternehmens – die Differenz zwischen Vermögenswerten und Verbindlichkeiten. Schloss suchte systematisch nach Unternehmen, die unter ihrem Buchwert handelten, idealerweise mit einem Abschlag von 20% oder mehr.

Walter Schloss und die Buchwert Formel
Das Kurs-Buchwert-Verhältnis (KBV) bildet die Grundlage der Schloss-Strategie. Es kann auf zwei Wegen berechnet werden: Aktienkurs geteilt durch Eigenkapital je Aktie, oder Marktkapitalisierung geteilt durch Gesamteigenkapital. Ein KBV unter 1 bedeutet, dass das Unternehmen unter Buchwert gehandelt wird – Schloss’ primäres Einstiegskriterium. Portale wie Ariva automatisieren diese Berechnung.

Praktisches Beispiel: Test AG

Die Anwendung lässt sich anhand eines hypothetischen Unternehmens illustrieren:

Tabelle Value Investing al al Walter Schloss
Beispielrechnung für die Unternehmensbewertung nach Schloss: Die Test AG mit einem Buchwert von 10 Millionen Euro und 5 Millionen ausstehenden Aktien weist einen Buchwert pro Aktie von 2 Euro auf. Bei einem Börsenkurs von 1,50 Euro ergibt sich ein Abschlag von 25% – ein attraktives Investment nach Schloss-Kriterien.

Die zugrundeliegende Theorie: Aktienkurse oszillieren um den intrinsischen Wert. Unternehmen, die signifikant unter Buchwert handeln, bieten ein asymmetrisches Chance-Risiko-Profil: begrenztes Abwärtsrisiko (Liquidationswert bildet Boden) bei erheblichem Aufwärtspotential (Rückkehr zum fairen Wert).

Schloss selbst formulierte: “Wir mögen es, Aktien zu kaufen, von denen wir denken, dass sie unterbewertet sind. Und dann müssen wir auch den Mumm haben, mehr davon zu kaufen, wenn sie fallen.”

Net-Net-Stocks: Die Graham-Formel

In seinen frühen Jahren bei Graham-Newman und den ersten Jahrzehnten seines eigenen Fonds nutzte Schloss intensiv die Net-Net-Working-Capital-Strategie. Diese von Graham entwickelte Methode fokussiert auf Unternehmen, deren Marktkapitalisierung unter dem Nettoumlaufvermögen liegt:

Net-Net-Wert = (Umlaufvermögen – Gesamtverbindlichkeiten) × 2/3

Kaufkriterium: Marktkapitalisierung < Net-Net-Wert

Diese Strategie bietet extremen Downside-Schutz, da das Unternehmen bei sofortiger Liquidation mehr wert wäre als der aktuelle Börsenwert. Graham dokumentierte, dass ein diversifiziertes Net-Net-Portfolio durchschnittlich 20-40% jährliche Returns erzielen konnte. Buffett bestätigte 1960, dass Net-Nets in 70-80% der Fälle innerhalb von zwei Jahren ausspielten.

Schloss kommentierte in “Setting the Right Pace”: “Ich nutzte denselben Investmentansatz wie bei Graham-Newman – Net-Net-Stocks finden. Es ging vollständig um Kapitalerhaltung, weil ich im besten Interesse meiner Investoren handeln musste.”

Vermögenswerte vor Erträgen

Ein zentrales Unterscheidungsmerkmal von Schloss’ Ansatz war die Präferenz für bilanzbasierte Bewertung gegenüber ertragsbasierter Bewertung. Während die meisten Investoren Kurs-Gewinn-Verhältnisse (KGV) analysieren, fokussierte sich Schloss auf die Bilanz.

Rationale: Erträge können sich schnell und unvorhersehbar ändern durch Wettbewerbsdruck, technologische Disruption, Managementfehler oder Konjunkturzyklen. Vermögenswerte – insbesondere tangible Assets wie Immobilien, Maschinen, Inventar – ändern sich langsamer und bieten stabilere Bewertungsgrundlagen.

Schloss erklärte:

“Kaufe lieber Vermögenswerte mit einem Rabatt als Einnahmen. Einnahmen eines Unternehmens können sich schnell verändern, während sich Vermögenswerte eher langsam verändern. Wer auf Einnahmen schielt, muss viel mehr über ein Unternehmen wissen.”

Diese Herangehensweise erlaubte Schloss, mit minimaler Research-Intensität zu arbeiten. Er musste nicht tiefgehend Geschäftsmodelle, Wettbewerbspositionierung oder Managementqualität analysieren – die Bilanz lieferte die relevanten Informationen.

Diversifikation und Positionsmanagement

Im Gegensatz zu Warren Buffetts konzentriertem Ansatz (“Put all your eggs in one basket and watch that basket carefully”) praktizierte Schloss extreme Diversifikation:

  • Anzahl der Positionen: Typischerweise 50-150 Aktien gleichzeitig im Portfolio
  • Lebenszeitinvestments: Circa 1.000 verschiedene Wertpapiere über die Karriere
  • Positionsgröße: Einzelpositionen selten über 2-3% des Portfolios
  • Haltedauer: Durchschnittlich 4 Jahre (25% jährliche Umschlagsrate)

Begründung der Diversifikation: Schloss war sich bewusst, dass er nicht die qualitative Analysefähigkeit besaß, um mit Sicherheit die besten Opportunities zu identifizieren. Seine Stärke lag in der quantitativen Identifikation unterbewerteter Situationen. Durch breite Diversifikation stellte er sicher, dass:

  1. Einzelne Fehlschläge das Gesamtportfolio nicht signifikant beeinträchtigen
  2. Das Portfolio von Graham’s statistischer Edge profitiert: Die Mehrzahl unterbewerteter Aktien kehrt zum fairen Wert zurück
  3. Konzentrations-Risiko minimiert wird

Buffett kommentierte diese Strategie: “Es ist besonders bemerkenswert, dass er diese Performance durch Investitionen in etwa 1.000 Wertpapiere erzielte, hauptsächlich von glanzlosem Typ. Ein paar große Gewinner waren nicht für seinen Erfolg verantwortlich.”

Research-Methodik: Spartan und effektiv

Schloss’ Research-Prozess war verblüffend einfach:

Schritt 1: Screening mit Value Line

Schloss abonnierte die Value Line Investment Survey, die wöchentlich fundamentale Daten zu über 1.700 Aktien publizierte. Er suchte systematisch nach:

  • Niedrigen Kurs-Buchwert-Verhältnissen (idealerweise < 0,8)
  • Neuen 52-Wochen-Tiefs
  • Geringer oder keiner Verschuldung
  • Tangiblen Vermögenswerten
Walter Schloss und das Auffinden von Aktien Perlen
Screening-Tools wie Finviz ermöglichen die systematische Identifikation von Aktien auf 52-Wochen-Tiefs – Schloss’ bevorzugtes Jagdrevier. Ende November 2018 zeigt die Plattform 309 Aktien mit neuen Jahrestiefs. Das Abwarten einer Bodenbildung ist essentiell, um nicht “ins fallende Messer zu greifen”.

Schritt 2: Anforderung von Geschäftsberichten

Bei interessanten Kandidaten forderte Schloss den aktuellen Geschäftsbericht (10-K) per Post an. Seine Analyse fokussierte auf:

  • Bilanz: Detaillierte Prüfung der Vermögenswerte und Verbindlichkeiten
  • Fußnoten: Besondere Aufmerksamkeit für “versteckte” Informationen
  • Cashflow-Statement: Verifikation der Geldströme
  • Off-Balance-Sheet-Items: Pensionsverpflichtungen, Leasingverträge, Eventualverbindlichkeiten

Schritt 3: Kein Kontakt mit Management

Im Gegensatz zu vielen professionellen Investoren vermied Schloss bewusst den Kontakt mit Unternehmensführungen. Seine Begründung:

“Ich habe nicht die Fähigkeit, Management zu beurteilen. Außerdem werden CEOs immer bullish über ihr Unternehmen sein – deshalb sind sie CEOs. Die Zahlen lügen nicht, aber Menschen können irreführen.”

Diese Distanz schützte Schloss vor kognitiven Verzerrungen wie Confirmation Bias und der charismatischen Überzeugungskraft eloquenter Executives.

Schritt 4: Geduldiger Positionsaufbau

Bei attraktiven Bewertungen kaufte Schloss initial eine kleine Position. Wenn der Kurs weiter fiel – was bei “troubled” Unternehmen häufig geschah – stockte er schrittweise auf. Dieser kontrarische Ansatz erforderte emotionale Disziplin und Vertrauen in die quantitative Analyse.

Die 16 Regeln von Walter Schloss: Ein Framework für Erfolg

Schloss destillierte seine Erfahrungen in 16 prägnante Regeln, die er “Factors Needed to Make Money in the Stock Market” nannte. Diese Prinzipien wurden erstmals in den 1990er Jahren publiziert und bleiben hochrelevant.

1. Entwickle eine Investmentphilosophie

Eine kohärente, durchdachte Anlagephilosophie ist fundamental. Diese sollte auf persönlichen Stärken, Risikotoleranz und Zeitressourcen basieren. Schloss entwickelte seine Philosophie basierend auf Grahams Lehren und passte sie an seine eigenen Fähigkeiten an. Konsistenz über Jahrzehnte ist wichtiger als ständige Strategiewechsel basierend auf Marktmoden.

2. Kaufe unterbewertete Aktien

Das Kernprinzip: Identifiziere Unternehmen, die deutlich unter ihrem intrinsischen Wert handeln. Schloss präferierte Aktien, die unter Buchwert oder Net-Net-Working-Capital gehandelt wurden. Diese bieten eine Sicherheitsmarge gegen Bewertungsfehler und ungünstige Entwicklungen.

3. Suche Unternehmen mit realen Vermögenswerten bei geringer Verschuldung

Priorisiere Firmen mit tangiblen Assets (Immobilien, Inventar, Produktionsanlagen) und minimaler Verschuldung. Hohe Verschuldung kann selbst gute Unternehmen in Krisen zerstören. Niedrige Schuldenquote bietet finanzielle Flexibilität und reduziert Konkursrisiko.

Operative Regel: Debt-to-Equity-Ratio sollte unter 0,3 liegen, idealerweise nahe Null.

4. Kaufe auf niedrigem historischen Kursniveau

Schloss bevorzugte Aktien nahe ihren mehrjährigen Tiefstständen. Wenn eine Aktie von 125 auf 60 fällt, erscheint dies zunächst attraktiv. Handelte sie jedoch drei Jahre zuvor bei 25, signalisiert dies strukturelle Probleme oder extreme Volatilität.

Praktische Anwendung: Vergleiche aktuelle Kurse mit 3-Jahres- und 5-Jahres-Bandbreiten. Kaufe bevorzugt im unteren Viertel der historischen Range.

5. Ignoriere Mehrheitsmeinungen und kurzfristige Nachrichten

Schloss ließ sich nicht von tagesaktuellen Schlagzeilen, Analystenmeinungen oder Marktkommentatoren beeinflussen. Er erkannte, dass Nachrichten typischerweise bereits im Kurs reflektiert sind und oft zu Überreaktionen führen.

Essenz: Kurzfristige Momentaufnahmen sind irrelevant für langfristige Wertschöpfung. Fokus auf fundamentale Bewertung statt auf Sentiment.

6. Überprüfe das eigene Urteil kritisch

Selbst als “Einzelgänger” an der Börse ist kritische Selbstreflexion essentiell. Schloss überprüfte systematisch seine Investmentthesen auf Schwächen und potentielle Denkfehler. Confirmation Bias – die Tendenz, nur bestätigende Informationen wahrzunehmen – ist eine ständige Gefahr.

Praktische Umsetzung: Formuliere explizit die “Bear Case” für jede Position. Was könnte schiefgehen? Welche Annahmen könnten falsch sein?

7. Durchhalten und Überzeugung zeigen

Nach gründlicher Analyse und Kauf sollten Investoren zu ihrer Überzeugung stehen. Hektischer Verkauf bei kleinen Rückschlägen untergräbt langfristige Performance. Disziplin bedeutet, kurzfristige Volatilität als Normalzustand zu akzeptieren.

Klartext: Keine panischen Verkäufe bei temporären Kursrückgängen. Nur fundamentale Verschlechterungen rechtfertigen Exits.

8. Vermögenswerte statt Erträge kaufen

Wie bereits erläutert, bevorzugte Schloss bilanzbasierte Bewertung. Erträge sind volatil und manipulierbar; Vermögenswerte bieten stabilere Bewertungsgrundlagen und Downside-Schutz.

9. Verkaufe nicht zu früh

Viele Investoren verkaufen, sobald eine Aktie 50% Gewinn erreicht, aus Angst vor Gewinnverlusten. Schloss empfahl stattdessen, bei erreichen des fairen Werts zu bewerten:

  • Wo steht die Aktie im Verhältnis zum Kurs-Buchwert-Verhältnis?
  • Wie ist das aktuelle allgemeine Börsenniveau?
  • Wie ist die Marktstimmung – euphorisch oder pessimistisch?

Oft bietet es sich an, Gewinner laufen zu lassen, wenn fundamentale Unterbewertung weiterhin besteht.

Darstellung der Wertentwicklung eines NVIDIA Investment
Nvidia illustriert die Kosten vorzeitigen Verkaufs: Ein Einstieg im Januar 2016 hätte nach einem Jahr eine Verdopplung ergeben. Gewinnmitnahme aus Risikoaversion wäre verständlich gewesen – hätte aber die weitere Verdopplung im zweiten Jahr verpasst. Solange keine fundamentalen Verkaufsgründe existieren, ist Geduld profitabler. Bildquelle: Ariva

10. Beobachte das allgemeine Marktumfeld

Obwohl Schloss kein Market Timing praktizierte, behielt er die allgemeine Marktverfassung im Auge. In extremen Bullenmärkten mit hohen Bewertungen (niedrige Dividendenrenditen, hohe KGVs, Euphorie) fand er weniger Opportunitäten und hielt mehr Cash. In Bärenmärkten explodierte das Angebot unterbewerteter Aktien.

11. Treffe eigene Entscheidungen

Ratschläge von respektierten Personen können wertvoll sein, aber ultimativ trägt jeder Investor Eigenverantwortung für sein Kapital. Schloss betonte: “Es ist schwieriger, Geld zu behalten als Geld zu machen. Nach einem Verlust ist es besonders schwer, das Geld zurückzugewinnen.”

Mathematische Realität: Ein 50%-Verlust erfordert 100% Gewinn zur Wiederherstellung. Kapitalerhalt ist entscheidend.

12. Kontrolliere Emotionen

Gier und Angst sind destruktive Kräfte im Investment-Prozess. Gier verleitet zu übermäßigem Risiko und Vernachlässigung der Due Diligence. Angst führt zu panischen Verkäufen auf Tiefstständen. Rationale, emotionsfreie Entscheidungen basierend auf Fakten sind essentiell.

Praxis-Tipp: Etabliere mechanische Regeln (z.B. Kauf nur bei KBV < 0,8), um emotionale Entscheidungen zu umgehen.

13. Bedenke den Zinseszinseffekt

Die 72er-Regel verdeutlicht die Kraft des Zinseszinses: Teile 72 durch die jährliche Rendite, um die Verdoppelungszeit zu ermitteln.

  • Bei 12% Rendite: 72 ÷ 12 = 6 Jahre zur Verdopplung
  • Bei 16% Rendite (Schloss’ Durchschnitt): 72 ÷ 16 = 4,5 Jahre zur Verdopplung
  • Bei 10% Rendite (S&P 500): 72 ÷ 10 = 7,2 Jahre zur Verdopplung

Über 47 Jahre bedeutet Schloss’ Performance etwa 10 Verdoppelungen, während der S&P 500 nur 6-7 Verdoppelungen erzielte. Dieser Unterschied transformiert sich in massive Überrendite.

14. Präferiere Aktien gegenüber Anleihen

Schloss bevorzugte Aktien aus zwei Gründen:

  1. Unbegrenzte Upside: Anleihen begrenzen Gewinne auf Kupon und Rückzahlung; Aktien bieten unbegrenztes Gewinnpotential
  2. Inflationsschutz: Anleihen verlieren real an Wert bei Inflation; Aktien bieten tendenziell Inflationshedge

Ausnahme: In extremen Hochzinsphasen (1980er Jahre mit 15%+ Renditen) können Anleihen attraktiv werden.

15. Sei vorsichtig mit Hebelprodukten

Leverage (Fremdkapital, Optionen, Futures) kann Gewinne multiplizieren – aber auch Verluste. Schloss lehnte Leverage kategorisch ab. Seine Philosophie: Kapitalerhaltung hat Priorität. Leverage erhöht das Risiko permanenter Kapitalverluste durch Margin Calls oder Totalverluste bei Optionen.

Warnung: Viele brillante Investoren (Long-Term Capital Management, Archegos Capital) wurden durch exzessiven Leverage zerstört.

16. Gute Dividendenrendite als Qualitätsindikator

Obwohl nicht explizit in den ursprünglichen 16 Regeln, betonte Schloss die Bedeutung von Dividenden. Eine solide Dividendenrendite signalisiert:

  • Reale, nachprüfbare Gewinne (Cash kann nicht gefälscht werden)
  • Management-Disziplin und Shareholder-Orientierung
  • Downside-Schutz durch laufende Erträge

Performance-Analyse: Die Zahlen sprechen für sich

Langfristige Renditen (1955-2002)

Walter Schloss’ Investmentpartnerschaft erzielte über 47 Jahre (1955-2002) folgende Performance:

  • Nach Gebühren: 15,3-16% durchschnittliche jährliche Rendite
  • Vor Gebühren: 21,3% durchschnittliche jährliche Rendite (1956-1984, laut Buffett)
  • S&P 500 Vergleich: 10% durchschnittliche jährliche Rendite
  • Outperformance: 5-6 Prozentpunkte jährlich

Kapitalwachstum: Eine hypothetische Investition von 10.000 USD im Jahr 1955 wäre bis 2002 auf etwa 12,3 Millionen USD gewachsen (15,3% CAGR), verglichen mit nur 1,17 Millionen USD im S&P 500 (10% CAGR).

Risikoadjustierte Performance

Buffett kommentierte 2006:

“Following a strategy that involved no real risk – defined as permanent loss of capital – Walter produced results over his 47 partnership years that dramatically surpassed those of the S&P 500.”

Schloss’ Down-Years:

  • Anzahl negativer Jahre: 5 von 47 (10,6%)
  • S&P 500 Down-Years: 7 von 47 (14,9%)
  • Durchschnittlicher Verlust in Down-Years: Moderat, selten über 10%

Die Kombination aus hohen Renditen und niedrigerem Risiko resultierte in außergewöhnlichen Sharpe Ratios – weit über dem Marktdurchschnitt.

Vergleich mit anderen Super-Investoren

InvestorZeitraumCAGRStil
Walter Schloss1955-2002 (47 Jahre)15,3-16%Deep Value, hochdiversifiziert
Warren Buffett (Partnership)1957-1969 (13 Jahre)29,5%Value zu Fair Price, konzentriert
Charlie Munger1962-1975 (14 Jahre)19,8%Quality Growth, konzentriert
Peter Lynch (Magellan)1977-1990 (13 Jahre)29,2%Growth at Reasonable Price
S&P 5001955-200210%Marktindex

Schloss’ Performance war nicht so spektakulär wie Buffetts frühe Partnership-Jahre, aber über einen deutlich längeren Zeitraum konsistent – und mit signifikant geringerem Stress und Arbeitsaufwand.

Konsistenz über Jahrzehnte

Besonders bemerkenswert ist Schloss’ Konsistenz über verschiedene Marktregime:

  • 1950er/60er: Postwar-Boom – Schloss outperformte durch Net-Nets
  • 1970er: Stagflation, Bärenmarkt – Schloss schützte Kapital besser als Markt
  • 1980er: Bull Market – Schloss partizipierte mit solider Performance
  • 1990er: Tech-Bubble – Schloss mied Tech, underperformte kurzfristig, vermied aber Crash-Verluste

Diese Anpassungsfähigkeit ohne fundamentale Strategieänderung demonstriert die Robustheit des Graham-Ansatzes.

Warren Buffetts “Superinvestors of Graham-and-Doddsville”

Im Jahr 1984 hielt Warren Buffett an der Columbia Business School einen legendären Vortrag mit dem Titel The Superinvestors of Graham-and-Doddsville. Ziel war es, die Efficient Market Hypothesis (EMH) zu widerlegen, die damals an Business Schools dominant gelehrt wurde.

Die EMH postulierte, dass Märkte jederzeit korrekt bewertet sind und kein Investor systematisch den Markt schlagen kann (außer durch Glück). Buffett konterte mit empirischen Beweisen: Er präsentierte neun Investoren – alle Graham-Schüler oder -Nachfolger – die über Jahrzehnte den Markt dramatisch outperformt hatten. Walter Schloss erhielt ein eigenes Kapitel in diesem Essay. Buffett schrieb:

Er weiß, wie man Wertpapiere identifiziert, die deutlich unter ihrem Wert für einen privaten Eigentümer verkaufen… Er sagt einfach: Wenn ein Geschäft einen Dollar wert ist und ich es für 40 Cent kaufen kann, kann mir etwas Gutes passieren. Und er macht es immer und immer wieder. Er besitzt viel mehr Aktien als ich – und ist weit weniger an der zugrundeliegenden Natur des Geschäfts interessiert; ich scheine nicht viel Einfluss auf Walter zu haben. Das ist eine seiner Stärken; niemand hat viel Einfluss auf ihn.

Diese öffentliche Anerkennung durch Buffett – bereits zu einem Investment-Icon geworden – katapultierte Schloss zu größerer Bekanntheit, obwohl er diese nie suchte.

Buffett nutzte Schloss’ Rekord, um einen fundamentalen Punkt zu illustrieren: Wenn alle diese Investoren unabhängig voneinander, mit verschiedenen Portfolios und unterschiedlichen Stilen, aber basierend auf derselben Graham-Philosophie, den Markt schlagen, kann dies kein Zufall sein. Die EMH-Verfechter hatten keine zufriedenstellende Antwort.

Moderne Relevanz und Anwendbarkeit der Schloss-Strategie

Funktioniert Deep Value noch im 21. Jahrhundert?

Seit Schloss’ Ruhestand 2002 haben sich Märkte fundamental verändert:

  • Digitalisierung: Intangible Assets (Software, Daten, Brands) dominieren
  • Algorithmischer Handel: Schnellere Preisfindung reduziert Ineffizienzen
  • Informationsverfügbarkeit: Jeder hat Zugang zu denselben Daten
  • Regulierung: Strengere Accounting-Standards erschweren bilanzbasierte Schnäppchen

Dennoch zeigen empirische Studien, dass Value-Faktoren (insbesondere Book-to-Market) weiterhin Outperformance generieren, wenn auch mit höherer Volatilität und längeren Perioden der Underperformance.

Herausforderungen der modernen Implementierung

1. Knappheit echter Net-Nets

Die klassischen Net-Net-Stocks, die Graham und Schloss in den 1950er-60er Jahren kauften, sind heute selten. Gründe:

  • Effizientere Märkte erkennen extreme Unterbewertungen schneller
  • Private Equity und aktivistische Investoren kaufen unterbewertete Firmen auf
  • Besseres Management verhindert extreme Unterbewertungen

2. Dominanz von Intangibles

Moderne Champions (Apple, Microsoft, Google, Amazon) haben wenig tangible Assets. Ihre Werte liegen in Software, Marken, Netzwerkeffekten – Faktoren, die Schloss nicht analysieren konnte oder wollte. Ein reiner Bilanzfokus übersieht diese Unternehmen systematisch.

3. Längere Halteperioden erforderlich

Value-Investments benötigen heute oft 5-7 Jahre zur Wertrealisierung statt der historischen 2-4 Jahre. Dies erfordert außergewöhnliche Geduld und kann opportunitätskosten erzeugen.

Adaptionen für moderne Investoren

Trotz Herausforderungen bleiben Schloss’ Prinzipien anwendbar mit Modifikationen:

1. Erweiterung auf Small/Micro Caps

Net-Nets und extreme Unterbewertungen existieren primär in Small-Cap- und Micro-Cap-Bereichen, die von institutionellen Investoren gemieden werden. Retail-Investoren mit kleineren Portfolios können hier Opportunitäten finden.

2. Internationale Märkte

Emerging Markets und weniger effiziente Märkte (Korea, Japan, Europa) bieten mehr Value-Opportunities als die USA. Der Aufwand erhöht sich durch Währungsrisiken und komplexere Informationsbeschaffung, aber das Opportunitätsset erweitert sich.

3. Special Situations

Spin-offs, Restrukturierungen, temporäre Skandale und Liquidationen bieten weiterhin Möglichkeiten, unter innerem Wert zu kaufen – auch bei größeren Unternehmen.

4. Kombination mit Qualitätsfaktoren

Moderne “Quality Value”-Ansätze kombinieren Schloss’ Bewertungskriterien mit Qualitäts-Metriken (hohe Margen, ROIC, Wettbewerbsvorteile). Dies filtert “Value Traps” – permanent unterbewertete Unternehmen mit strukturellen Problemen.

Technologische Unterstützung

Moderne Screening-Tools demokratisieren Schloss’ Ansatz:

  • Stock Screener: Finviz, GuruFocus, Seeking Alpha ermöglichen automatisierte KBV/Net-Net-Screens
  • Datenbanken: SEC Edgar, Jahresberichte digital verfügbar
  • Backtesting: Validierung von Strategien mit historischen Daten

Ironischerweise würde Schloss, der nie Computer nutzte, heute enorm von diesen Tools profitieren.

Vergleich mit anderen Value-Investing-Legenden

Walter Schloss vs. Warren Buffett

AspektWalter SchlossWarren Buffett
PhilosophieStrikte Graham-OrthodoxieGraham → Munger-Einfluss → “Quality at Fair Price”
BewertungRein quantitativ (Buchwert)Qualitativ + quantitativ
DiversifikationHoch (50-150 Positionen)Konzentriert (10-20 Positionen)
Haltedauer4 Jahre durchschnittlich“Forever” bevorzugt
Management-KontaktVermiedenIntensiv, persönliche Beziehungen
Geschäftsmodell-VerständnisMinimal erforderlichTiefgehend essentiell
Research-IntensitätModerat (Value Line + 10-K)Extrem (alles verfügbare Material)
WettbewerbsvorteilEmotionale Disziplin, GeduldSuperiore Analysefähigkeit, Netzwerk

Komplementäre Ansätze

Beide Ansätze haben Vorzüge:

  • Schloss für Retail-Investoren: Einfacher zu replizieren, weniger zeitintensiv, geringeres Skill-Requirement
  • Buffett für institutionelle Investoren: Höhere Potentialrenditen, besser skalierbar auf große Kapitalsummen

Buffett selbst erkannte:

“Walter ist ein besserer reiner Graham-Schüler als ich. Ich habe Charlie [Munger] erlaubt, mich in Richtung Qualitätsunternehmen zu verschieben. Walter blieb dem ursprünglichen Ansatz treu – und hat damit sehr gut getan.”

Kritische Würdigung und Limitationen

Stärken der Schloss-Strategie

  • Einfachheit: Keine komplexen Modelle oder subjektiven Bewertungen erforderlich
  • Emotionale Disziplin: Quantitative Regeln reduzieren Bias
  • Downside-Schutz: Fokus auf Sicherheitsmarge minimiert permanente Verluste
  • Zeit-Effizienz: Praktikabel mit begrenztem Zeitbudget
  • Skalierbarkeit: Funktioniert für kleine Accounts (weniger geeignet für Milliarden)
  • Nachgewiesene Performance: 47 Jahre Erfolgshistorie
  • Stressarm: “Schlafe gut”-Strategie ohne ständiges Monitoring

Schwächen und Herausforderungen

  • Verpasste Opportunities: Ignoriert erstklassige Wachstumsunternehmen systematisch
  • Value Traps: Nicht alle günstigen Aktien kehren zum fairen Wert zurück
  • Lange Perioden der Underperformance: In Momentum-Märkten kann Value jahrelang hinken
  • Liquiditätsprobleme: Viele Net-Nets haben geringe Handelsvolumina
  • Intangible Assets ignoriert: Verpasst moderne Value-Creation-Mechanismen
  • Psychologisch anspruchsvoll: Kontrarisches Investment erfordert emotionale Stärke

Wann ist die Strategie am effektivsten?

Schloss’ Ansatz performt optimal in:

  • Bärenmärkten: Downside-Schutz erhält Kapital
  • Volatilen Märkten: Extreme Preisschwankungen schaffen Opportunities
  • Mean-Reversion-Phasen: Nach Übertreibungen in beide Richtungen
  • Small/Micro-Cap-Bereichen: Weniger Wettbewerb um unterbewertete Namen

Die Strategie underperformt tendenziell in:

  • Starken Bull-Märkten: Momentum dominiert, Value hinkt hinterher
  • Tech-/Growth-Booms: Asset-light-Modelle werden ignoriert
  • Low-Volatility-Umfeldern: Wenige Dislocations entstehen

Schloss’ Vermächtnis: Lektionen für nachfolgende Generationen

1. Integrität ist unbezahlbar

Schloss’ Ruf für absolute Integrität überdauert seine Investmentperformance. In einer Industrie, die häufig von Skandalen erschüttert wird (Madoff, Galleon, Archegos), steht Schloss als Gegenpol: ehrlich, transparent, im Interesse der Klienten handelnd.

2. Einfachheit ist mächtig

Die komplexesten Strategien sind nicht notwendigerweise die profitabelsten. Schloss’ spartaner Ansatz – Value Line, 10-Ks, Taschenrechner – erzielte bessere Resultate als tausende hochbezahlte MBA-Analysten mit Supercomputern.

3. Disziplin schlägt Intelligenz

Schloss bezeichnete sich selbst als “nicht besonders intelligent im Vergleich zu durchschnittlichen Hedge-Fund-Genies.” Dennoch übertraf er sie durch strikte Disziplin, emotionale Kontrolle und Konsistenz. Investing ist kein IQ-Test, sondern ein Geduldsspiel.

4. Kapitalerhaltung ist grundlegend

Schloss’ primäres Ziel war nie, den Markt zu schlagen, sondern Kapital zu erhalten und stetig zu vermehren. Diese defensive Mentalität – geboren aus der Trauma des Crashes von 1929 – diente ihm fünf Jahrzehnte.

5. Unabhängigkeit ist eine Stärke

Schloss ließ sich nicht von Trends, Experten-Meinungen oder Herdentrieb beeinflussen. Buffetts Kommentar – “Niemand hat viel Einfluss auf ihn” – war ein Kompliment. Konträr zu sein, wenn nötig, ist essentiell für Value-Erfolg.

6. Work-Life-Balance ist möglich

Erfolg erfordert nicht 80-Stunden-Wochen oder Aufopferung des Privatlebens. Schloss arbeitete normale Stunden, genoss sein Privatleben, pflegte Hobbies und erreichte dennoch außergewöhnliche Resultate.

Fazit: Das Vermächtnis eines stillen Meisters

Walter Jerome Schloss (1916-2012) repräsentiert eine seltene Kombination: außergewöhnliche Investmentperformance gepaart mit beispielhafter Integrität, bescheidenem Lebensstil und unerschütterlichen Prinzipien. Über 47 Jahre erwirtschaftete er für seine Investoren 16% jährliche Renditen nach Gebühren – ein Rekord, den nur eine Handvoll Investoren weltweit erreicht haben.

Sein größter Verdienst liegt nicht nur in den absoluten Zahlen, sondern in der Demonstration, dass systematisches, diszipliniertes Value Investing funktioniert – ohne außergewöhnliche Intelligenz, ohne privilegierten Zugang zu Informationen, ohne kostspielige Infrastruktur. Schloss bewies, dass die Prinzipien Benjamin Grahams nicht nur theoretisch elegant, sondern praktisch profitabel sind.

Für moderne Investoren bietet Schloss’ Geschichte mehrere zeitlose Lektionen:

  1. Einfache Strategien konsequent umgesetzt schlagen komplexe Ansätze inkonsistent angewandt
  2. Kapitalerhaltung ist wichtiger als spektakuläre Gewinne
  3. Emotionale Disziplin und Geduld sind wichtiger als analytische Brillanz
  4. Integrität und treuhänderisches Bewusstsein definieren langfristigen Erfolg
  5. Contrarian Thinking – Kaufen, wenn andere verkaufen – erfordert Mut, generiert aber Überrenditen

Während die spezifischen Taktiken (Net-Nets, extrem niedrige KBVs) heute schwerer umzusetzen sind, bleiben die fundamentalen Prinzipien gültig. Die Suche nach Sicherheitsmargen, der Fokus auf Vermögenswerte, die Diversifikation zur Risikominimierung und die Ignoranz kurzfristiger Marktgeräusche funktionieren im 21. Jahrhundert ebenso wie im 20.

Walter Schloss mag den meisten Anlegern unbekannt geblieben sein, aber diejenigen, die seine Methoden studieren und adaptieren, besitzen einen wertvollen Kompass für erfolgreiche Kapitalallokation. Seine 16 Regeln, seine Lebensgeschichte und seine 47 Jahre Performance-Historie bilden einen Schatz an Weisheit für jeden ernsthaften Investor.

In Warren Buffetts Worten: “Er war einer der guten Typen der Wall Street.” Höhere Anerkennung ist kaum möglich.

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Börsenpersönlichkeiten: Walter Schloss » RoboAdvisor-Portal.com - das Infoportal

Martin B.

Martin ist Tradingcoach und unter anderem Mitbegründer der Trademy Trading Akademie. Zudem ist Martin Kolumnist bei Wallstreet-Online.de, Sharewise und anderen großen Finanzplattformen sowie Buchautor. Insofern also ein Experte im Bereich Trading und allem, was mit Geldanlage & Börse zu tun hat. Großen Einfluss auf sein ökonomisches Weltbild haben die Publikationen von Karl-Heinz Paqué und Joseph Schumpeter. Als Börsianer inspirieren ihn die Ansätze von Buffett, Burry, Livermore und Lynch. Martin ist Gastautor bei uns und bereichert uns zweifelsohne mit seinem fundierten Börsenwissen.
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