Dass berühmte Investoren durchaus ungewöhnliche Persönlichkeiten sein können, zeigt sich nicht nur in Person eines Michael Burry. Das gilt auch für Richard Dennis, der sein Vermögen mit Rohstoff-Futures gemacht hat. Was dieser Richard Dennis mit Schildkröten zu tun hat und was es mit seinem Titel als „Prince of the Pit“ auf sich hat, zeigt dieser Artikel.
Martin B.
15. Februar 2019
Zuletzt aktualisiert am: 13. März 2026
Richard Dennis gehört definitiv in die Riege der großen Börsenlegenden. Mit seinen Handelsstrategien hat er es geschafft, ein beachtliches Vermögen anzuhäufen – mit 25 Jahren bereits Millionär, mit Anfang dreißig Inhaber eines Vermögens von 400 Millionen US-Dollar. Doch was verbirgt sich hinter dem Turtle Trading, und mit welcher Wette wurde Richard Dennis zur Legende?
Richard Dennis wurde am 9. Januar 1949 in Chicago geboren und begann seine Börsenkarriere bereits im Alter von 17 Jahren als Laufbursche an der Chicago Mercantile Exchange – der größten Rohstoffbörse für Futures und Optionen der Welt. Da er noch minderjährig war, musste zunächst sein Vater die gewünschten Wertpapiere für ihn kaufen und verkaufen.
Nach einem Studium der Philosophie an der DePaul University in Chicago kehrte Dennis mit 23 Jahren an die Börse zurück. Er lieh sich 1.600 USD und begann, an der Mid America Exchange zu spekulieren.
Als 1972 die Sowjetunion aufgrund von Missernten große Mengen Getreide auf dem Weltmarkt kaufte – bekannt als „The Great Russian Grain Robbery“ – begann Dennis‘ Erfolgsgeschichte: Nur zwei Jahre später war er Dollar-Millionär. Bis Anfang der 1980er Jahre wuchs sein Vermögen auf 400 Millionen US-Dollar – mit 25 Jahren bereits Millionär, ein Aufstieg, der in der Geschichte des Rohstoff-Tradings bis heute seinesgleichen sucht.
Richard Dennis – Steckbrief
| Vollständiger Name | Richard J. Dennis |
| Geboren | 9. Januar 1949, Chicago, Illinois, USA |
| Ausbildung | Philosophie, DePaul University Chicago |
| Spitzname | „Prince of the Pit“ |
| Handelsstil | Trendfolge · Rohstoff-Futures · Turtle-Trading-System |
| Vermögen (Anfang 1980er) | ~400 Mio. USD |
| Bekannteste Leistung | Turtle-Trading-Experiment (1983): Beweis, dass Trading erlernbar ist |
| Partner | William Eckhardt (Gegenseite der Turtle-Wette) |
| Gesellschaftliches Engagement | Cato Institute · „Flex Your Rights“ · Essay „Toward a Moral Drug Policy“ (1991) |
Bis zum Beginn der 1980er Jahre hatte Dennis bereits 400 Millionen US-Dollar verdient und sich einen Namen als Rohstoff-Spekulant gemacht. Sein Meisterstück sollte aber erst noch folgen. Im Jahr 1983 schloss er mit seinem Partner William Eckhardt eine legendäre Wette ab:
„Man kann Trader züchten wie Schildkröten in Singapur!“ – Richard Dennis
Dennis war überzeugt, dass Trading-Fähigkeiten erlernbar sind. Eckhardt hingegen glaubte, dass diese Fähigkeiten genetisch veranlagt sein müssen. Der Name „Turtle Trader“ entstand, als die beiden Partner bei einem Besuch einer Schildkrötenzucht in Singapur das Bild prägten. Sie schalteten Anzeigen in renommierten Tageszeitungen, suchten Personen ohne Finanzvorwissen, schulten diese 14 Tage lang in der Turtle-Trading-Strategie und ließen sie dann eigenständig handeln.
Richard Dennis – Performance-Überblick
| Startkapital (1972) | 1.600 USD (geliehen) |
| Millionär | Mit 25 Jahren (ca. 1974) – innerhalb von 2 Jahren |
| Vermögen Anfang 1980er | ~400 Mio. USD |
| Turtle-Trader-Experiment (1983) | 14 Tage Schulung → Ø 80 % Rendite der Absolventen |
| Crash 1987 | Erhebliche Verluste in Investoren-Fonds; trotzdem meist Gesamtgewinn für Anleger |
| Rückzug aus Investoren-Trading | Nach Crash 2000 – Dennis zieht sich aus dem Drittmittel-Management zurück |
Quellen: „The Turtle Traders“ (Curtis Faith, 2007); öffentliche Presseberichte. Vergangenheitswerte sind keine Garantie für zukünftige Ergebnisse.
Das folgende Video gibt einen kompakten Überblick über die Turtle-Trader-Geschichte und das Experiment von Richard Dennis:
Richard Dennis legte nicht nur für eigene Rechnung an, sondern verwaltete in seinen Investmentfonds auch das Kapital externer Investoren. Sowohl 1987 als auch 2000 kam es zum großen Crash – für Trendfolge-Systeme fast nie eine gute Angelegenheit. Auch wenn viele Anleger trotz starker kurzfristiger Verluste unterm Strich Gewinne verbuchen konnten, zog Dennis sich nach dem zweiten großen Crash aus dem Trading für Dritte zurück.
Über den Privatmann Richard Dennis ist wenig bekannt. Jedoch liegen ihm die Grundrechte von Privatpersonen bei Begegnungen mit der Polizei sehr am Herzen – als Unterstützer der Organisation „Flex Your Rights“ setzt er sich für bessere Bürgeraufklärung ein. Darüber hinaus war er Vorstandsmitglied im liberalen Think Tank des Cato Instituts, der sich für die Entschärfung der Maßnahmen im amerikanischen „War on Drugs“ einsetzt, da diese überproportional zu Nachteilen für ethnische Minderheiten führen.
1991 veröffentlichte Dennis das vielbeachtete Essay „Toward a Moral Drug Policy“. Er darf damit zu jenem Personenkreis gezählt werden, der die Chancen der Kapitalmärkte für sich zu nutzen wusste und seinen so errungenen Einfluss aktiv zur Verbesserung sozialer Ungerechtigkeiten einsetzt.
Was ist Turtle Trading?
Turtle Trading ist ein regelbasiertes Trendfolge-System für Futures, das Richard Dennis 1983 im Rahmen eines Experiments entwickelte. Es basiert auf dem Donchian-Kanal und definiert klare Regeln für Einstieg, Ausstieg und Positionsgrößenbestimmung. Die Kernidee: Robuste, langfristige Trends identifizieren und ihnen konsequent folgen – ohne emotionale Einflüsse. Das System wurde in 14 Tagen an Laien ohne Finanzvorwissen gelehrt und erzielte durchschnittliche Renditen von 80 %.
Das Turtle-Trading-System beantwortet vier fundamentale Fragen jedes Handelssystems: Was soll gehandelt werden? Wann wird eingestiegen? Wann wird ausgestiegen? Und wie groß ist die Position?
Die Turtle-Trading-Strategie konzentrierte sich auf Futures an den größten US-Börsen. Um die Märkte mit den eigenen Trades nicht zu stark zu beeinflussen, waren liquide Futures das Mittel der Wahl. Gehandelt wurden Rohstoffe wie Kaffee, Kakao, Zucker, Baumwolle, Gold, Silber, Kupfer und Öl sowie große Währungen (US-Dollar, D-Mark, Britisches Pfund, Japanischer Yen) und amerikanische Staatsanleihen.
Der Markteinstieg beim Turtle Trading basiert auf dem Donchian-Kanal und wird in zwei Zeithorizonten betrachtet:
Kurzfristiges System (20-Tage-Breakout): Ein Trade wird eröffnet, wenn der Kurs das Maximum oder Minimum der letzten 20 Tage übersteigt. Liegt der aktuelle Kurs beispielsweise über dem 20-Tage-Hoch, wird eine Long-Position eröffnet; liegt er unter dem 20-Tage-Tief, eine Short-Position. Ausnahme: Hat der letzte Breakout bereits zu einem Gewinn-Trade geführt, wird dieser ignoriert und automatisch das langfristige System angewendet.
Langfristiges System (55-Tage-Breakout): Funktioniert identisch wie die kurzfristige Variante, jedoch wird ein Zeitraum von 55 Tagen betrachtet. Dieses System generiert seltener, aber zuverlässigere Signale in starken Trendphasen.
Das Risiko wird im originalen Turtle-Trading-System auf maximal 2 % des Kapitals pro Trade begrenzt. Für den Exit gelten klare Regeln, die Emotionen ausschalten: Im kurzfristigen System erfolgt der Ausstieg bei einem 10-Tage-Tief bei Long-Positionen und einem 10-Tage-Hoch bei Short-Positionen. Im langfristigen System sind es entsprechend 20-Tage-Tiefs und -Hochs. Wer das System nutzen möchte, muss diese Regeln strikt einhalten – nur so lässt sich ein starker Trend vollständig mitnehmen.
Dennis und Eckhardt waren bei der Positionsgrößenbestimmung für ihre Zeit weit voraus: Sie konzentrierten sich auf die Volatilität des jeweiligen Basiswerts, gemessen mit der Variable N – ein Konzept, das der heutigen Average True Range (ATR) sehr nahekommt. Die Positionsgröße wird als „Unit“ bezeichnet und berechnet sich nach folgender Formel:
1 Unit = (1 % vom Kapital) / (N × Tickwert)
Diese Methode hat einen entscheidenden Vorteil: In volatileren Märkten werden kleinere Positionen eingegangen, in ruhigeren Märkten größere. Das Risiko bleibt damit immer konstant auf 1 % des Kapitals normiert – ein Prinzip, das heute in professionellen Handelsstrategien universell eingesetzt wird.
Die Grundprinzipien des Turtle-Trading-Systems sind zeitlos: Trendfolge, regelbasierter Einstieg und Ausstieg, volatilitätsbasiertes Risikomanagement. Moderne Handelssoftware wie MetaTrader, TradingView oder TrendSpider ermöglicht die vollständige Automatisierung des Systems – was zu Zeiten von Dennis manuell und per Telefon abgewickelt werden musste, lässt sich heute in Algorithmen abbilden. Die Nutzung der ATR als Maß für Volatilität und Positionsgröße hat sich als Standard in der Branche durchgesetzt.
Das System eignet sich besonders gut in starken, langfristigen Trendphasen – klassischerweise in Rohstoff-Supercyclen, bei extremen Währungsbewegungen oder anhaltenden Aktienmarkt-Rallys wie 2009–2021. Die Rohstoff-Futures-Märkte, auf denen Dennis ursprünglich handelte, sind heute deutlich liquider und transparenter.
Kritisch wird das System in Seitwärtsmärkten: Häufige Fehlausbrüche (Whipsaws) können das Konto durch viele kleine Verluste systematisch dezimieren. Dies ist das bekannte Dilemma aller Trendfolge-Strategien: Sie funktionieren exzellent in Trending Markets und schlecht in Range-Bound Markets. Moderne Märkte sind durch algorithmischen Hochfrequenzhandel deutlich kurzfristiger orientiert, was die Häufigkeit von Fehlausbrüchen im kurzfristigen 20-Tage-System erhöht hat. Viele moderne Turtle-Trader bevorzugen daher das 55-Tage-System oder kombinieren das klassische Setup mit Filtern wie gleitenden Durchschnitten.
Zudem ist die psychologische Anforderung nicht zu unterschätzen: Trendfolge-Systeme durchlaufen lange Drawdown-Phasen ohne Gewinne – was selbst disziplinierten Tradern das System verlässt, bevor es sich erholt. Dennis selbst erlebte dies mit den Crashes von 1987 und 2000.
Das Turtle-Trader-Experiment von 1983 ist heute nicht nur für Trader relevant, sondern auch für die Verhaltensökonomie und Lernforschung. Dennis bewies empirisch, dass Trading-Erfolg weniger von angeborenem Talent abhängt als von der Fähigkeit, ein regelbasiertes System diszipliniert anzuwenden. Diese Erkenntnis deckt sich mit modernen Forschungen zur Entscheidungsfindung unter Unsicherheit: Struktur schlägt Intuition, Regelwerke reduzieren kognitive Verzerrungen.
Das System überzeugt durch vollständige Objektivität – es gibt keine subjektiven Interpretationen, nur klare Regeln. Die volatilitätsbasierte Positionsgröße ist auch nach heutigen Maßstäben sophisticated. Das System ist zeiteffizient: Keine ständige Marktbeobachtung erforderlich. Es bietet automatischen Schutz in Bärenmärkten, wenn keine Breakout-Signale generiert werden. Und es ist replizierbar – Dennis bewies, dass auch Laien es erfolgreich anwenden können.
Die größte Schwäche ist die Abhängigkeit von Trendphasen. In trendlosen Märkten entstehen systematisch Verluste. Die 2-%-Risikobegrenzung pro Trade klingt konservativ, aber bei 50 Positionen gleichzeitig summiert sich das Risiko. Zudem ignoriert das klassische System fundamentale Daten vollständig – eine Aktie, die aus fundamentalen Gründen überbewertet ist, könnte trotzdem ein technisches Kaufsignal generieren.
Im Vergleich zur Darvas-Box-Methode ist Turtle Trading stärker systematisiert, nutzt explizite Volatilitätsmaße und operiert auf Futures statt Aktien. Beide teilen die Kernphilosophie der Trendfolge und des konsequenten Stop-Loss. Im Vergleich zu Jesse Livermores intuitivem Ansatz ist Turtle Trading mechanisch und regelgebunden – was es für Nicht-Vollzeittrader zugänglicher macht. Gegenüber dem CANSLIM-System von William O’Neil fehlt die fundamentale Komponente, dafür ist die Umsetzbarkeit einfacher.
Richard Dennis hat Bemerkenswertes geleistet: Vom einfachen Laufburschen zum Multimillionär in wenigen Jahren – und dann der Beweis, dass dieser Erfolg kein einmaliges Glück war, sondern auf einem erlernbaren, systematischen Ansatz beruhte. Das Turtle-Trading-Experiment von 1983 ist bis heute eines der bekanntesten und am meisten zitierten Experimente in der Geschichte des Finanzhandels.
Wer das System stringent anwendet und dabei Emotionen und das innere Drängen überwindet, kann auch heute noch mit der Turtle-Trading-Strategie Erfolge erzielen. Durch computergestützte Systeme ist es heute sogar einfacher als je zuvor, die richtigen Einstiegspunkte zu finden, Stopps zu setzen und die korrekte Positionsgröße zu bestimmen. Dennis‘ wichtigste Botschaft bleibt dabei zeitlos: Trading ist kein Talent, sondern eine erlernbare Disziplin.
Disclaimer: Dieser Artikel dient ausschließlich der allgemeinen Information und stellt keine Anlageberatung oder Empfehlung zum Kauf oder Verkauf von Wertpapieren dar. Investitionen an der Börse sind mit Risiken verbunden; historische Renditen sind kein verlässlicher Indikator für zukünftige Ergebnisse. Stand: März 2026.
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Zuletzt aktualisiert am 13. März 2026 by Redaktion