Investment: Von Frauen, Risikoscheue und Risikobewusstsein

Man frage über 600 Frauen von der ganzen Welt, welches das größte Risiko ist, das sie im Leben jemals eingegangen sind und erhalte? 600 verschiedene Antworten. Und einige, beeindruckende Einblicke in Frauen und ihr Investment-Verhalten bzw. ihre Risikobereitschaft. So geschehen in der 2018er Studie von Barbara Stewart, ihres Zeichens Speakerin zum Thema Frauen und Finanzen und eine der weltweit führenden Forscherinnen dazu mit 20 Jahren Erfahrung als Vermögensverwalterin im Rücken.

Julia F.

Julia F.

28. Februar 2020

Investment-Frauen-Risikoscheue-Angst

28. Februar 2020

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Barbara Stewart - Finanz- und Investment Expertin
Barbara Stewart, CFA ist eine der weltweit führenden Forscherinnen, die sich auf Frauen und Finanzen spezialisiert hat. Sie konzentriert sich auf das reale Finanzverhalten und bietet globale Einblicke in das Denken und die Kommunikation intelligenter Frauen.

Frauen gelten im Allgemeinen und im Bezug auf Geldanlagen im Speziellen als mindestens risikobewusst, wenn nicht sogar risikoscheu. Eine Zuschreibung, die vor allem auf veralteten, stereotypen Vorstellungen basiert. Mit ihrer Untersuchung zielte Stewart darauf ab, dieses Bild von Frauen und Investments zu aktualisieren und ins rechte Licht zu rücken.

Dazu hat sie mehr als 600 gestandene Frauen aus aller Welt zu deren Investments und Anlage-Verhalten befragt – anstatt nur ihre Portfolios, Renditen und Anlageprodukte zu analysieren. Aus den im Laufe von 8 Jahren gesammelten, in jeweils einstündigen Interviews herausgearbeiteten Informationen hat sie 2018 ein umfangreiches Whitepaper veröffentlicht.

Bei Frauen ist es wichtig, die richtigen Fragen zu stellen

Das Naheliegendste beim Aufbau einer Studie zum Thema Frauen und Risikobereitschaft bei Investments wäre, danach zu fragen, ob sie tendenziell eher konservativ oder doch moderat investieren. Stewart hat einen anderen Ansatz gewählt. Sie sprach mit den Teilnehmerinnen ausführlich über deren Berufs- und Privatleben, anstatt sie unmittelbar auf ihr vermeintlich größtes finanzielles Risiko anzusprechen, das sie nach eigener Einschätzung jemals eingegangen waren.

Diese sehr konkrete und spezifische Frage hätte, nach Einschätzung Stewarts, allerdings das Potential gehabt, stereotype Vorstellungen davon, dass Frauen weniger stark in den Kapitalmarkt investieren, noch zu verstärken. Frauen werden darauf konditioniert, nicht allzu sehr über ihre eigene Risikobereitschaft nachzudenken. Selbst Frauen, die ihre Investments bestens im Griff haben, ihre Finanzen und Geldanlagen hervorragend verwalten, neigen dazu, sich selbst herabzuwürdigen und zu glauben, sie wüssten nicht genug über Investitionen.

Bei Banken und Investmentfirmen müssen interessierte Anleger und Anlegerinnen einen Fragebogen beantworten, mit dem seine oder ihre Risikobereitschaft eingestuft und ein passendes Anlageprodukt gefunden wird. Viele dieser Fragebögen drehen sich vor allem darum, den möglichen Anteil an Aktien in einem Depot oder Portfolio einschätzen zu können. Oftmals wird vor allem Frauen dazu geraten, konservativ oder moderat zu investieren.

Dem liegt die Annahme zugrunde, die Frauen in der großen, bösen Welt des Investments als konservative, ängstliche, scheue Rehe abstempelt: Tagesgeld okay, vielleicht auch ein paar Fonds. Aber Aktien? Das ist Männerterrain. Bei den üblichen Fragebögen zur Risikobereitschaft wird Frauen oftmals das Wort in den Mund gelegt – ob aus Vorurteilen heraus, bewusst oder unbewusst, sei dahin gestellt.

Als Frau, vor allem als Frau mit diesem Insiderwissen im Hintergrund, hatte Stewart die Möglichkeit, einen unvoreingenommeneren Fragenkatalog auszuarbeiten. Ihr Ansatz war allumfassender, globaler, wenn man so möchte, und fand auf einer Makro-Ebene statt, die auch Risiken aus der beruflichen und privaten Vergangenheit berücksichtigte.

Die Frage, um die sich bei Stewarts Untersuchung alles drehte, lautete darum: Was ist das bisher größte Risiko, das Du jemals in deinem Leben eingegangen bist?

Investment: Risiko und Risikobereitschaft sind relativ

Bei über 600 Befragten ist es unwahrscheinlich, dass alle Frauen die gleiche oder eine ähnliche Antwort geben. Schon allein deshalb, weil Risiko ein relatives Konzept ist. Das “größte Risiko” der einen Frau wird nie das gleiche sein, wie das einer anderen. Für manche Frauen ist es eine persönliche Herausforderung, vor Publikum zu sprechen, für andere Alltag.

Während einige Frauen es als finanzielles Risiko betrachten, nur in eine einzige Aktie zu investieren oder sich spontan für den Kauf einer Wohnung zu entscheiden, finden andere es finanziell sehr viel riskanter, endlich ihr eigenes Business zu gründen oder endlich dieses Buch zu schreiben, das sie schon seit Jahren oder Jahrzehnten im Kopf mit sich herumtragen.

Eines ist also sicher. Nicht nur Mann und Frau haben eine vor allem durch Geschlechterrollen induzierte, voneinander abweichende Vorstellung von Risiko und Risikobereitschaft, sondern auch innerhalb der vermeintlich ach-so homogenen Masse von Frauen weichen die Auffassungen und Interpretationen dieser Konzepte bisweilen stark voneinander ab. Was für eine Person, für eine Frau riskant ist, ist für die nächste ein Klacks.

Je tiefer man in dieses Verständnis eintauchen kann, davon ist Stewart mittlerweile fest überzeugt, desto besser wird man sein Gegenüber verstehen – und vor allem für Anlageberater*innen ist das eine Chance, bessere Empfehlungen auszusprechen.

Zentrale Erkenntnisse über Frauen und Risikobereitschaft bei Geldanlagen

  • Risiko ist ein bewegliches Ziel. Für Frauen ist Risikotoleranz die Summer einer komplexen Kombination diverser Faktoren. Das geht so weit, dass selbst ihre Tagesform und Stimmung ihre Risikobereitschaft beeinflusst. Außerdem verändert sich die persönliche Einstellung gegenüber Risiken im Laufe der Zeit. Was 15 Jahre zuvor noch überhaupt nicht riskant schien, könnte heute als hochriskant wahrgenommen werden – oder umgekehrt. Die Erfahrungen, die Frauen im Laufe ihres Lebens, in der Vergangenheit gemacht haben, beeinflussen, wie selbstsicher sich in der Gegenwart und Zukunft mit Risikofaktoren umgehen.
  • Risikotoleranz ist genderunabhängig. Die Wahrnehmung und Einstufung von Risiko hat viel mehr mit der Lebenserfahrung, der Bildung, Persönlichkeit, Umgebung und mit situationsbedingten Faktoren zu tun, als mit dem Geschlecht.
  • Frauen haben Bewältigungsstrategien im Umgang mit Risiko. Die Art, wie Frauen mit Risiken umgehen, kann viele Aufschlüsse darüber geben, wie sie mit dem Marktrisiko bei Investments umgehen werden. Es gibt Frauen, die sich auf mögliche Risiken vorbereiten, um sich möglichst dagegen abzusichern. Sie wenden sich vielleicht an einen Coach oder legen Geld beiseite oder beginnen ihr Herzensprojekt zunächst einmal nebenberuflich. Und es gibt Frauen, die impulsiver, instinktiver handeln. Sie sehen eine waghalsige, aufregende Achterbahn vor sich und wissen irgendwie, dass sowieso schon alles gut werden wird.
  • Risikoverhalten heute ist kein perfekter Indikator für ein zukünftiges. Das bedeutet, die Analyse der Risikobereitschaft von Anlegerinnen muss ständiges Anliegen bleiben. Und zwar nicht in Form von Verallgemeinerungen oder Rückschlüssen von einer Anlegerin auf die andere, sondern als ganz individuelles Nachhorchen.

Die Idee von der risikoscheuen Anlegerin ist gefährlich

Das Vorurteil, wonach Frauen in Investmentfragen generell als risikoscheu zu betrachten sind, kann eine gesamtgesellschaftliche Gefahr darstellen. Denn es kategorisiert sie wahllos und auch jenseits der Finanzwelt als schüchtern, feige und zögerlich ein. Die Vorstellung von der risikoscheuen Frau ist seit jeher eine Methode, um Frauen klein zu halten. Frauen solche Attribute zuzuschreiben (und dafür zu sorgen, dass sie sie sich auch selbst zuschreiben), eine solch herabsetzende Sprache auf Frauen anzuwenden, sind klassische Werkzeuge einer patriarchischen Gesellschaftsstruktur.

Und die Finanzindustrie hat das alles ohne zu hinterfragen übernommen. Allerdings funktioniert das alles langsam nicht mehr. Frauen machen seit einigen Jahren den größten Kundenstamm von Finanzanbietern aus – die Branche kann es sich nicht leisten, gegenüber Frauen so weiterzumachen wie bisher.

Das größte Risiko, mit dem Anlegerinnen sich wirklich konfrontiert sehen, ist, in Schubladen gesteckt zu werden und aufgrund stereotyper Vorstellungen unpassende Portfolios angeboten zu bekommen. Wie viel Risiko jemand bereit ist einzugehen ist nicht zuletzt auch davon abhängig, wie gut er all seine Alternativen und Optionen kennt. Falsche Annahmen und Vorurteile gegenüber Frauen und deren Risikotoleranz führt sie auf den falschen, finanziellen Pfad.

Für Frauen sind darum 3 Dinge unerlässlich: Sie müssen sich zusammenschließen und Risiken untereinander thematisieren; sie müssen an ihrer finanziellen Kompetenz, nicht an ihrem finanziellen Selbstvertrauen arbeiten; sie dürfen mit ihren finanziellen Erfolgen nicht hinter dem Berg halten, sondern müssen sie nutzen, um andere Frauen zu ermutigen.

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Julia F.

Julia F.

Julia ist unsere Spezialistin im Bereich “Frauen und Geldanlage”. Selbst als Quereinsteigerin in die Finanz-Szene gestartet, setzt sie sich bei uns mit den typischen Fragen und Unsicherheiten von Frauen beim Thema Geldanlage und Vermögensaufbau auseinander. Und sie spricht aus Erfahrung, denn sie ist mittlerweile selbst erfolgreiche Anlegerin. Julia gewährt uns mit ihren Beiträgen einen Einblick in die weibliche Welt der Geldanlage und des Vermögensaufbaus.

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