Brauchen Frauen tatsächlich eine andere Finanzberatung als Männer?

Neue Form des Geschlechterkampfes oder wird durch “Finanzberatung speziell für Frauen” tatsächlich ein Unterschied „suggeriert, den es so gar nicht gibt“, wie Martin Schmidberger von der ING-DiBa sich im Manager-Magazin zitieren lässt? Natürlich ist es einerseits lobenswert, dass ein Mann glaubt, dass es in Sachen Finanzen keinen Unterschied zwischen Frau und Mann gibt. Andererseits ist es aber auch ein nicht zu leugnender Fakt, dass die Lebenswelten – und dazu zählen Geldangelegenheiten eben auch – von Frauen anders aussehen, als die von Männern.

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Julia F.

11. Januar 2019

Finanzberatung für Frauen

11. Januar 2019

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Im Gespräch mit dem Manager-Magazin hält Schmidberger auch hier dagegen und sagt, dass ein guter Berater „auf die Interessen des einzelnen Anlegers“ und dessen Risikobereitschaft achtet und das Anlageportfolio unabhängig von dessen Geschlecht erstellt. Das wäre zwar der Wunschzustand, aber er entspricht mitnichten der Realität. Im Gespräch mit Karolina Decker von FinMarie wurde deutlich, dass viele Beratungsangebote und Finanzprodukte auf eine rein männliche Lebenswirklichkeit ausgelegt sind. Das beginnt bei der Werbung und endet im Beratungsgespräch.

Warum spezielle Finanzberatung für Frauen durchaus Sinn machen kann

So sehr Herrn Schmidbergers Einstellungen gegenüber seinen Bankkunden und speziell gegenüber Frauen zu begrüßen ist, so unrealistisch ist sie leider auch. Frauen legen ihr Geld anders an, als Männer. Das liegt auch darin begründet, dass Frauen in der Mehrheit weniger Geld zur Verfügung steht, als Männern. Aber es ist nicht der einzige Grund, warum Frauen eine speziell auf sie zugeschnittene Finanzberatung bevorzugen.

Frauen sind Banken gegenüber skeptischer, als Männer

Einmal unabhängig von der Bankenkrise, haben Banken bei ihrer weiblichen Kundschaft einen schwereren Stand, als bei ihrer männlichen. Schon vor dem großen Crash 2008 vertrauten gerade einmal 20 Prozent der Frauen ihrer Bank wirklich. Und, wenn man so sagen darf, beruht diese Skepsis auf Gegenseitigkeit. So werden Frauen von Banken etwa bei Kreditvergaben seltener berücksichtigt und wenn, dann oftmals zu schlechteren Konditionen, als Männer.

Auch, dass Banken in der Zusammenstellung von Anlageportfolios oder in ihren Finanzprodukten unflexibel sind, trägt nicht gerade zur Vertrauensbildung bei der weiblichen Kundschaft bei. Das ist mit ein Grund, weshalb Frauen sich von Banken unverstanden fühlen. Ihre Lebenswelten sind nicht so statisch oder gar exponentiell wie die von Männern. Anlageprodukte, die schwerfällig sind, also nicht kurzfristig anpassbar, sind für Frauen oftmals keine Alternative.

Eine Finanzberatung für Frauen baut ihr gesamtes Konzept auf diesem Wissen auf. Entsprechend hat ein solches Beratungsangebot für potentielle Kundinnen möglichst flexible Produkte im Angebot, in die man im Idealfall auch mit einer geringeren Einlage investieren kann.

Frauen möchten verstehen, wie Geldanlagen funktionieren

Das ist eigentlich ein großes Plus, wird aber von Finanzberatungen und Banken nicht grundsätzlich gewährleistet: Frauen möchten verstehen, wie ihre Geldanlagen funktionieren. Eine oberflächliche Finanzberatung, die vor allem auf die mögliche Rendite fokussiert ist, ist vielen Frauen zu wenig. Sie möchten wissen, worin genau sie ihr Geld investieren, was die Bank mit ihrem Geld anstellt und wie das jeweilige Investment genau funktioniert. Für viele weibliche Kundinnen sind diese profunden Informationen wichtiger, als eine möglichst hohe Rendite.

Finanzberatung für Frauen
Auf weibliche Bedürfnisse angepasste Finanzberatung hilft Frauen das Thema Geldanlage leichter zu verstehen und individuell angepasste Investment-Möglichkeiten zu finden

 

Dieses Verstehen wollen ist vielen Anlageberatern zu mühsam. Ein Banktermin über Fondssparen, der sich mehrere Stunden hinzieht? Das kann in einem Beratungsgespräch mit Frauen, die sich für Finanzprodukte interessieren, durchaus passieren. Das erfordert von den Beratern viel Geduld und Einfühlungsvermögen – nicht zu vergessen die Fähigkeit, komplexe Prozesse und gewohnten Fachjargon in verständlicher Sprache auszudrücken. Und das bei unsicherem Ausgang darüber, dass die Frau sich am Ende für die vorgeschlagene Geldanlage dann auch entscheidet.

Weibliche Finanzberaterinnen sind sehr viel näher an der Lebenswelt ihrer Kundinnen dran. Sie haben ein besseres Verständnis für die weibliche Herangehensweise an Geldanlagen, haben nicht selten selbst weniger geradlinige Karriereverläufe durchlebt und kennen das Bedürfnis, Finanzanlagen verstehen zu wollen, aus erster Hand.

Die Produktauswahl ist für Frauen wichtiger, als für Männer

Studien, Umfragen und Erfahrungswerte zeigen es immer wieder: Frauen gehen mit ihrem Geld nachhaltiger um, als Männer. Das wirkt sich auch auf die Auswahl der Anlageprodukte aus. Frauen möchten seltener in Aktien von zweifelhaften Unternehmen investieren, entscheiden sich vorzugsweise für ethische Fonds und suchen sich lieber nachhaltige Produkte aus. Sie sind eher geneigt, auf ein paar Prozentpunkte in der Rendite zu verzichten, wenn sie dafür das Gefühl haben, mit ihrem Geld nicht nur etwas für ihre finanzielle Unabhängigkeit, sondern auch für die Umwelt und Gesellschaft tun können.

Banken haben häufig nur ein begrenztes Anlageangebot, das solche Produkte oftmals gar nicht erst umfasst. Beratungsagenturen speziell für Frauen wissen um diese Vorliebe und haben ein entsprechendes Anlageportfolio im Angebot.

Um was es bei der Finanzberatung für Frauen nicht geht!

Es geht nicht darum, Frauen mit Prospekten und Flyern in Rosa von einem „Women’s World“ Aktienfonds überzeugen zu wollen, wie ihn in den frühen Nullerjahren die Fondsgesellschaft VRM auf den Markt geworfen hat. Es hilft nichts, einen Fonds zusammenzustellen, der Kosmetik-, Haushaltsprodukte- und Windelhersteller umfasst, um Frauen als Anlagekundinnen zu gewinnen.

Nachdem sich VRM ihre Finger daran verbrannt hat, Frauen verstehen zu wollen, scheint es, als hätten Banken und Finanzanlagedienstleister sie als Zielgruppe abgeschrieben. Frauen sind vorsichtige, risikobewusste Anleger. Aber risikofreudige Investoren, die vielleicht sogar eine Neigung zum Zocken haben, bringen Banken und Finanzberatungen mehr Geld ein.

Diese klaffende Lücke schließen Anbieterinnen mit speziell auf weibliche Lebenswelten zugeschnittenen Produktportfolios. Natürlich müssen Frauen auch bei solchen Angeboten vorsichtig sein, denn auch in dieser Branche gibt es durchaus schwarze Schafe, bei denen spezielle, weibliche Finanzprodukte mehr kosten, als scheinbar männliche Investments.

Banken und althergebrachten Anlageberatungen sollte das ein Denkanstoß sein. Denn erst, wenn auch diese Frauen als Zielgruppe erfasst und verstanden haben, kann garantiert werden, dass das, was Martin Schmidberger als Marketing-Trick bezeichnet, wirklich überflüssig ist. Und in Folge der angeblich suggerierte Unterschied bei den Themen Geldanlage und Vermögensaufbau zwischen Männern und Frauen tatsächlich aufgehoben werden kann.

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Julia F.

Julia F.

Julia ist unsere Spezialistin im Bereich “Frauen und Geldanlage”. Selbst als Quereinsteigerin in die Finanz-Szene gestartet, setzt sie sich bei uns mit den typischen Fragen und Unsicherheiten von Frauen beim Thema Geldanlage und Vermögensaufbau auseinander. Und sie spricht aus Erfahrung, denn sie ist mittlerweile selbst erfolgreiche Anlegerin. Julia gewährt uns mit ihren Beiträgen einen Einblick in die weibliche Welt der Geldanlage und des Vermögensaufbaus.

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