FinMarie im Interview: Von Frauen und Finanzen

Wer würde wohl mehr von Frauen und deren Finanzen verstehen, als Frauen, die sich genau mit diesem Thema beschäftigen? Nachdem wir vor kurzem darüber berichtet haben, dass sich das Frauen-Finanzportal FinMarie mit dem Robo-Advisor Growney zusammengetan hat, lag es nahe, mit Karolina Decker von FinMarie einmal ganz gezielt über Frauen und Finanzen zu sprechen. Ein Interview, das Einblick in das weibliche Verhältnis zu Finanzen und Geldanlagen gibt, und wie ein Portal für Frauen sich anschickt, dieses angespannte Verhältnis zu verbessern.

FinMarie im Interview: Von Frauen und Finanzen » RoboAdvisor-Portal.com - das Infoportal

Julia F.

28. Dezember 2018

Das Finanz Start-up FinMarie im Interview

28. Dezember 2018

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Das Interview mit Karolina Decker von FinMarie

Karolina Decker CEO FinMarie

Dass Frauen in Sachen Finanzen oft zurückhaltend sind, ist ein offenes Geheimnis. Aber woran liegt das, eurer Erfahrung nach, eigentlich?

Stimmt, Frauen, die klar und offen über Finanzen sprechen oder ihr Gehalt gut verhandeln, sind immer noch in der Minderheit. Viele sind unsicher oder haben den Umgang mit Geld lange Zeit ihren Männern überlassen. Sie stellen meist erst im Fall einer Scheidung oder bei der Rente fest, wie schlecht es für sie aussieht. Dennoch ist eine klassische Vermögensberatung für viele Frauen, besonders für jene, die auf dem Finanzmarkt erst wenig bis gar keine Erfahrung gesammelt haben, häufig zu teuer und zu unsicher.

Warum ist es für Frauen dennoch oder gerade deshalb wichtig, ihre Finanzen selbst in die Hand zu nehmen?

Der World Economic Forum Report 2017 zeigt, dass wir 217 Jahre bräuchten, um die Ungleichheit zwischen Frauen und Männern aufzuheben, die durch die Gender Pay Gap und die Pension Pay Gap, sowie verschiedene soziokulturelle Umstände verursacht werden. So viel Zeit haben wir nicht.

Aktuell verdienen Frauen 21 Prozent weniger als ihre männlichen Kollegen in einer vergleichbaren Position, was sich später in der Rente sogar in einem Minus von 53 Prozent gegenüber der von Männern niederschlägt. Das wird einerseits begünstigt durch die Lebensumstände: Es sind noch immer wir Frauen, die sich vorrangig um Kinder und Familie kümmern. Viele schaffen später den Wiedereinstieg in den Job gar nicht, andere nur in Teilzeit. Derzeit arbeiten 37 Prozent der deutschen Frauen in Teilzeit.

Hinzu kommt, dass wir im Durchschnitt etwa fünf Jahre länger leben als Männer. 73 Prozent der Frauen über 65 Jahren haben ein Einkommen von unter 900 € im Monat. Es gibt also viele Gründe für Frauen, sich selbst mit ihrer aktuellen und zukünftigen Finanzlage auseinanderzusetzen und zu handeln.

Und FinMarie hat es sich ja auf die Fahne geschrieben, Frauen genau hierbei zu unterstützen. Wie kam es zu der Idee, mit einer eigens auf Frauen zugeschnittenen Finanzberatung auf den Markt zu gehen?

Ich war lange Zeit Vertriebsmanagerin im Bereich Immobilien und die letzten Jahre bei der Deutschen Bank Berlin im Compliance-Bereich tätig. Dabei habe ich gemerkt, dass weibliche Kundinnen andere Fragen stellen, als Männer und auch eine andere Herangehensweise beim Vermögensaufbau haben.

Aus diesen Erkenntnissen entstand im August 2017 die Veranstaltungsreihe Mind The Gap, die ich gemeinsam mit einer Kollegin ins Leben gerufen habe. Diese monatlichen Meetups und Seminare zum Thema Finanzen für Frauen (Women & Wealth) führen wir mittlerweile bundesweit durch. Inzwischen umfasst die Community mehr als 1.000 Frauen und wächst kontinuierlich.

Wir haben an dem großen Interesse und in vielen Gesprächen gemerkt, dass es ein starkes Bedürfnis von Frauen gibt, sich mit ihrer finanziellen Unabhängigkeit und der Absicherung ihrer Kinder und Familien zu beschäftigen. So kamen wir ziemlich schnell auf die Idee, FinMarie zu gründen.

Aber dazu hätten sich Frauen doch auch an bestehende Anlageberatungen wenden können? Wieso haben sie das nicht getan, sondern darauf gewartet, dass es eine Finanzberatung speziell für Frauen geben wird?

Betrachtet man die Angebote auf dem Markt, stellt man schnell fest, sie sind deutlich maskulin geprägt. Sie gehen sehr auf Männer ein, was Sprache, Design und die Zusammenstellung der Portfolios angeht. Es ist wirklich ein Männermarkt und Frauen fühlen sich dort weder vertreten noch verstanden. Mit FinMarie wollen wir das ändern. Frauen sollen merken, dass es wichtig ist, finanziell unabhängig zu sein. Deshalb bieten wir auch Finanz-Workshops bei Unternehmen als Weiterbildung für deren Mitarbeiterinnen und One-to-One Finanz-Coachings für Frauen an.

Was macht Ihr bei FinMarie anders, als herkömmliche Anlageberatungen oder Robo-Advisor, dass Frauen sich bei euch wohler fühlen?

Frauen investieren lieber langfristig und haben andere finanzielle Ziele als Männer. Wichtig dabei: Frauen geben ihr Geld nicht gern aus der Hand, sondern möchten selbst über die nächsten Schritte ihres Vermögensaufbaus entscheiden. Sie sind nicht risikoavers, sie sind risikobewusst! Frauen wissen um das Risiko und was eine Geldanlage kostet. Wenn Frauen sich Wissen aneignen, kommen für sie auch große Investitionen infrage.

Im Gegensatz zu Männern finden Frauen ihre persönlichen Ziele wichtiger als die Anlageperformance und höhere Rendite. Laut Ernst & Young möchten 88 Prozent Frauen in Unternehmen investieren, die einen positiven gesellschaftlichen Nutzen bewirken. Sie sind viel disziplinierte Investoren als Männer und denken langfristig über ihre Familie und Zukunft nach.

Transparenz und Klarheit sind für Frauen wichtige Triebfedern für Vertrauen. Deswegen folgen Frauen ihren Finanzzielen und verlieren keine „time to market“. Frauen teilen ihre Erfahrungen gern online und empfehlen sie sich gegenseitig, sie sind derzeit besser ausgebildet, sodass Unternehmen mit einem höheren Anteil an weiblichen Führungskräften im allgemeinen eine höhere Rendite erwirtschaften.

Als Frauen verstehen wir die Lebenswelten von Frauen besser und können auf all diese Bedürfnisse, die sich in vielerlei Hinsicht von denen der Männer unterscheiden, besser eingehen. Wir betrachten gezielt die Lebenssituation von Frauen, die sich zuweilen schnell und stark ändert, und gehen ganz individuell darauf ein.

In der Regel sind es immer noch überwiegend Frauen, die sich um die Kinder kümmern, zeitweise halbtags arbeiten oder später Eltern und Schwiegereltern pflegen. Zusammen mit den Frauen analysieren wir deren Situation in einem kostenlosen zweistündigen One-to-One Coaching und entwickeln gemeinsam Strategie-Depots. Dazu haben wir verschiedenste Modelle, die wir immer am Bedarf unserer Kundinnen ausrichten.

Auch der Investmenteinstieg wird Frauen bei FinMarie sehr viel einfacher gemacht. Im Gegensatz zu klassischen Vermögensberatungen, können Frauen bei uns bereits ab 1€ investieren. Wir agieren nach dem Motto: Selbst ist die Frau und auch selbst in der Frage wieviel sie investieren möchte. Der gesamte Investmentprozess ist stets transparent und verständlich aufgebaut, während die Anlagestrategien einem großen Sicherheitsbedürfnis sowie einer gleichzeitig hohen Rendite-Chance nachgehen. Und: FinMarie ist flexibel. Je nach Änderung der Lebenssituation wird die Anlagenstrategie entsprechend angepasst.

Darüber hinaus stehen wir über unsere Mind-The-Gap-Community in regelmäßigem Austausch und stetigen Dialog mit ihnen. Das wird dem weiblichen Bedürfnis nach Kommunikation gerechter, als das vielleicht bei einigen anderen Anlegerportalen der Fall ist. Bei FinMarie finden Frauen ein stabiles Netzwerk Gleichgesinnter, über das sie sich gegenseitig unterstützen.

Damit sich Frauen an euch wenden und sich ermutigt sehen, sich mit ihren Finanzen auseinanderzusetzen, müssen sie euch ja aber zunächst einmal kennen. Wie schafft ihr es, Frauen abzuholen, anzusprechen und auf euch aufmerksam zu machen?

Wir veranstalten regelmäßig Kongresse und Workshops, um Frauen ihre Situation bewusst zu machen. Diese im Sinne der Gleichstellung und Unabhängigkeit von Frauen zu ändern, gehört mit zu unserer Mission. Wir bringen Frauen bei, dass Investieren etwas Gutes ist. Jede Frau muss lernen, mit ihren Finanzen zu haushalten und mutiger zu werden. Durch uns können sie lernen, wie sie intelligent mit Geld umgehen. Statt Sparbuch sind Aktien und ETFs eine sinnvollere Alternative.

Sind also Aktien und ETFs die Grundlage, auf der ihr die individuellen Anlageportfolios erstellt?

Ja, in den letzten Jahren haben sich in diesem Segment die Exchange Traded Funds (ETF) durchgesetzt. Diese börsengehandelten Fonds investieren sehr kostengünstig und passiv gemäß vorgegebener Indizes, die einen Teil des Marktes, wie zum Beispiel europäische Aktien, abbilden. Mit weniger als 10 ETFs kann bereits ein Großteil des Weltmarktes abgebildet werden. Die Kosten bewegen sich meist zwischen 0,1 und 0,3 Prozent und damit einem Bruchteil der Kosten aktiver Fonds. Ausgabeaufschläge gibt es in der Regel nicht.

Bietet ihr auch aktive Anlagestrategien an oder ausschließlich passive?

Aktive Fonds liefern kaum Mehrwert, produzieren jedoch meist hohe Kosten. Zu diesen Kosten zählen ein Ausgabeaufschlag von bis zu 5 Prozent, Verwaltungsgebühren von bis zu 3 Prozent, sowie in den Verwaltungsgebühren noch nicht enthaltene Transaktionskosten auf Ebene des aktiven Fonds. Je aktiver ein Fonds ist, das heißt, je häufiger das Portfolio umgeschichtet wird, desto höher fallen diese versteckten Kosten aus. Für private Anlegerinnen ergeben aktive Fonds also wenig Sinn.

Seit kurzem arbeitet ihr mit Growney zusammen – das bedeutet aber nicht, dass FinMarie selbst zu einer reinen DIY-Investmentplattform für Frauen wird. Welche Vorteile oder Konsequenzen hat diese Zusammenarbeit für eure Kundinnen oder Interessentinnen?

FinMarie definiert mit einem Hybrid-Modell aus digitaler Finanzplattform und menschlicher Expertise das digitale Vermögensmanagement neu. Mit unserer Plattform können Frauen eine Übersicht über ihre gesamtes Vermögen erstellen. Zudem steht den Frauen eine Finanzexpertin als Finanzcoach zur Verfügung. Unser Ziel ist es, die Geldanlage so verständlich, rentabel und sicher wie möglich zu machen und das alles online mit einem fairen und transparenten Preis-Leistungs-Verhältnis. Mit FinMarie ermöglichen wir Anlegerinnen einen leichten Einstieg in die individuelle Vermögensanlage. Growney hat uns mit seinem einfachen und flexibel anpassbaren Anlageprozess überzeugt und passt so ideal zu unserer FinMarie-Vision.

Habt ihr euch mit dieser Kooperation nicht auch zu einem gewissen Teil abhängig gemacht? Andere Robo-Advisor bieten eine deutlich größere Auswahl an Anlagestrategien an, als Growney. Schränkt ihr damit nicht euch und die Möglichkeiten eurer Kundinnen auch ein Stück weit ein?

Nein. Der gesamte Investmentprozess ist stets transparent und verständlich aufgebaut, während die Anlagestrategien einem großen Sicherheitsbedürfnis sowie einer gleichzeitig hohen Rendite-Chance nachgehen. Kundinnen finden bei FinMarie die für sie passende Anlagestrategie über drei verschiedene Wege:

1. Über die Beschreibung von Lebensereignissen und finanziellen Zielen:  Ein Beispiel wäre, dass eine 32-Jährige, die seit 7 Jahren beruflich tätig ist und bereits 12.000€ angespart hat, sich in den nächsten 2 – 4 Jahren Nachwuchs wünscht, sich Elternzeit nehmen und anschließend in Teilzeit weiterarbeiten möchte. FinMarie ermittelt für das Ziel, sich in 4-6 Jahren eventuell eine Eigentumswohnung leisten zu können, die passenden Sparraten und das passende Portfolio.

2. Über ein Social Network und Frauen Community, in dem Frauen sehen können, welche anderen Frauen sich für welche Anlagestrategie entschieden haben, und sich über ihre Erfahrungen und Ziele austauschen können.

3. Über Finanz-Coaching und Finanz-Workshops für Mitarbeiterinnen: FinMarie ist ein Partner für die Weiterbildung von Mitarbeiterinnen rund um die Themen Finanzen, Investment und Geldanlage und führt persönliche Workshops durch. Das sind viele Vorteile für Mitarbeiterinnen und Unternehmen. Wir waren schon bei zwei große AG Firmen in Berlin.

4. Als Online-Vermögensvermittlung übernimmt FinMarie die komplette Finanzberatung und Steuerung der Portfolios. Dazu gehören die tägliche Überwachung und das ausführliche Reporting. Zusätzlich achtet FinMarie auf die Einhaltung der Anlagerichtlinien, führt bei Bedarf ein automatisches Rebalancing durch und überprüft regelmäßig, ob einzelne ETFs ausgetauscht werden sollen.

Was sind abschließend ein paar konkrete Tipps, die ihr euren Kundinnen und die, die es werden wollen, von Frau zu Frau mit auf den Weg geben könnt, um finanziell unabhängig zu werden?

Frauen sollen sich konkrete Ziele setzen und darauf basierend einen Maßnahmenplan erstellen. Dabei ist wichtig, dass sie auch bestehende Verbindlichkeiten mit berücksichtigen. Wir raten Frauen außerdem zu einer strategischen Asset Allocation, weil diese die Rendite erheblich beeinflusst.

Der wichtigste Tipp, den wir Frauen in Bezug auf ihre Geldanlage aber mit auf den Weg geben können, ist, sich nicht aus der Ruhe bringen zu lassen. Also, Kursschwankungen auch mal auszusitzen und keine emotionalen Investitionsentscheidungen zu treffen.

Wir bedanken uns bei Karolina Decker für das spannende und ausführliche Gespräch.

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Julia F.

Julia F.

Julia ist unsere Spezialistin im Bereich “Frauen und Geldanlage”. Selbst als Quereinsteigerin in die Finanz-Szene gestartet, setzt sie sich bei uns mit den typischen Fragen und Unsicherheiten von Frauen beim Thema Geldanlage und Vermögensaufbau auseinander. Und sie spricht aus Erfahrung, denn sie ist mittlerweile selbst erfolgreiche Anlegerin. Julia gewährt uns mit ihren Beiträgen einen Einblick in die weibliche Welt der Geldanlage und des Vermögensaufbaus.

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