Gender-Kapitalismus und Gender Lens Investing: Nur für Frauen?

Im Zuge der vom World Economic Forum 2020 angeschobenen und aktuell angestrebten Schwerpunktverlagerung der Finanzwelt auf Stakeholder statt auf Shareholder, rückt auch der sogenannte Gender-Kapitalismus wieder verstärkt ins Blickfeld – sollte er zumindest, denn immer mehr Frauen interessieren sich für Geldanlagen

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Julia F.

29. Juli 2020

Gender-Kapitalismus und Gender Lens Investing - Definition

29. Juli 2020

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Immer mehr Frauen besitzen nicht nur ihr eigenes Geld, sondern verwalten bereits jetzt, global betrachtet, einen Großteil des weltweit zirkulierenden Gesamtvermögens. Es darf durchaus davon ausgegangen werden, dass diese Trends anhalten.

Ein Blick in die Konzepte des Gender-Kapitalismus und des Gender Lens Investing, die so eng und unmittelbar mit der Stakeholder-Theorie verknüpft sind, kann in diesem Zusammenhang also nur weitere Learnings für Frauen beinhalten, die sich über die Eigen-Absicherung mit ihrer Geldanlage auch für die Belange anderer Frauen stark machen und einen nötigen und nachhaltigen Wandel anstoßen möchten.

Was ist Gender-Kapitalismus?

Gender-Kapitalismus ist ein Ansatz, um mittels monetären Investitionen die Lücken der Geschlechter besonders im wirtschaftlichen und professionellen Bereich zu schließen. Das Konzept des Gender-Kapitalismus sieht vor, Kapital so zu nutzen und einzusetzen, dass sich daraus finanzielle Gewinne zum Vorteil des weiblichen Teils der Gesellschaft ergeben. Hierdurch sollen vor allem die Lebensbedingungen von Frauen und Mädchen verbessert werden. Im Zuge dessen wird von Gender Lens Investing gesprochen.

Was ist Gender Lens Investing?

Beim Gender Lens Investing (Geschlechter-Linse Investment) als Teilbereich des Gender-Kapitalismus geht es darum, Investments auch unter den Gesichtspunkten auszuwählen, inwiefern sie in Folge Frauen und Mädchen zugute kommen. Entweder, indem damit wirtschaftliche Möglichkeiten für sie geschaffen werden oder auch, indem auf diesem Wege die Rolle der Frau in der Gesellschaft aufgewertet wird. Das Konzept des Gender Lens Investing gibt es bereits seit 10 Jahren.

Der Leitgedanke ist, Investments vor dem Hintergrund der Geschlechtergleichheit oder Frauenförderung zu analysieren und entsprechende Anlageentscheidungen zu treffen. Das Prinzip der Linse trifft es darum sehr gut. Wie durch eine Linse oder ein Kamera-Objektiv, werden Frauen bei dieser Form von Investments ins zentrale Blickfeld geholt – was aber nicht bedeutet, dass sie der alleinige, ausschlaggebende Faktor für ein Investment sind.

Vielmehr bedeutet es, die Sicht auf alle Faktoren (und Stakeholder) zu verbessern, um Frauen nicht immer zu übersehen. Dabei kann Gender Lens Investing ganz unterschiedliche Formen annehmen.

Es kann etwa ein Schwerpunkt-Investment in Unternehmen und Sektoren sein, die von Frauen gegründet und geleitet werden. Es kann aber auch das Investment in Konzerne sein, die sich nachweislich für die Förderung und Gleichstellung von Frauen einsetzen. Oder es kann in Form von Investments in Organisationen umgesetzt werden, die Produkte und Dienste anbieten, die die Positionen von Frauen und Mädchen stärken (zum Beispiel durch Zugang zu Bildung, Kapital, Selbstbestimmtheit, gesellschaftlicher Anerkennung und Wertschätzung).

Gender Lens Investing: Investments von Frauen für Frauen in Frauen

Es gibt keine einheitliche Herangehensweise an Gender Lens Investing. Es gibt wichtige Unterscheidungs-Merkmale zwischen ressourcen-reichen und ressourcen-armen Milieus, zwischen verschiedenen Regionen und Ländern, Volkswirtschaften und Investmentproduktionen. Dennoch bildet der Gender-Kapitalismus mit seinem Investmentschwerpunkt auf und in Frauen einen wichtigen Ausgangspunkt.

Mit Gender Lens Investing kann nicht nur die finanzielle und soziale Rendite der Investierenden, sondern eben auch der von Ungleichheit maßgeblich betroffenen Stakeholderinnen verbessert werden.

Frauen Zugang zu Kapital ermöglichen

Bei einem Blick durch die Geschlechter-Linse offenbaren sich in allen Branchen und Industrien schnell Ungleichheiten zwischen Männern und Frauen beim Zugang zu Kapital. Trotz längst erbrachten Nachweisen, dass Frauen geführte Unternehmen bisweilen höhere und konstantere Gewinne abwerfen, haben Frauen noch immer mehr Probleme, Kapital zu generieren.

Hinzu kommt, dass es nur wenige Frauen in der Investmentindustrie selbst (sprich: Banken, Risikokapitalgesellschaften oder Hedge Funds, zum Beispiel). Das verschlimmert das Problem zusätzlich, bedenkt man, dass Menschen tendenziell in Ihresgleichen investieren.

Zu verstehen, wie das vorherrschende Verständnis von Verdienst und Wert Kriterien umfasst, die auf Vorurteilen gegenüber Frauen basieren, kann helfen, den Blick von Investoren auf neue Investment-Möglichkeiten zu lenken. Auch eine umfassendere Definition davon, welche Betriebsform ein gutes Investment verspricht, kann Investoren neue Chancen eröffnen.

So gründen Frauen überdurchschnittlich oft Unternehmen, die auf beständige Umsätze abzielen, statt auf schnelles Wachstum. Und nicht zuletzt erweitert auch ein breiteres Verständnis des Unternehmerinnenkonzepts die Investment. Möglichkeiten. 

Ist wirklich nur die Fintech-Startup-Gründerin im Silicon Valley ein rentables Investment? Oder vielleicht auch die kulturschaffende, aber unterfinanzierte Filmemacherin und die Kaffeefarm-Betreiberin in Nicaragua?

Mit Gender Lens Investing ist es möglich, Frauen aus den Slums von Bangladesh genauso Zugang zu ´geldwerten Mitteln zu ermöglichen, wie Frauen aus dem Silicon Valley. Und zwar, indem man sie sowohl zu Investorinnen macht, als auch zu den Profiteurinnen getätigter Investments.

Frauen in der Arbeitswelt gleichstellen

Dieser Aspekt kann derart abgedeckt werden, dass man sein Vermögen dazu benutzt, Geschlechterdiversität in den Führungsebenen und Gleichberechtigung in der gesamten Wertschöpfungskette eines Unternehmens voranzutreiben.

Gleichstellung am Arbeitsplatz durch die Gender-Linse in den Fokus zu rücken, ermöglicht es Investoren und Investorinnen, die gesamte unternehmerische Wertschöpfungskette zu überblicken und die Frage nach der Gewichtung von Frauen in Führungspositionen und Gleichberechtigung in jedem Konzern zu stellen.

Die Antworten darauf könnten Anlegerinnen und Anlegern neue Felder eröffnen, um in Frauen zu investieren. Studien zeigen zum Beispiel immer wieder, dass Unternehmen mit drei oder mehr Frauen im Vorstand deutlich bessere Gewinne erzielen, als Firmen ohne Frauen in den Gremien.

Frauen-spezifische Produkte und Dienstleistungen schaffen

Investments in die Herstellung von Produkten und Waren, sowie das Angebot von Dienstleistungen, die die Lebensstandards von Frauen und Mädchen verbessern, gehören unbedingt zum Gender Capitalism. Das umfasst saubere Kochstellen in Afrika ebenso wie die medizinische Forschung, wenn etwa Medikamente auf weibliche Körper und Bedürfnisse getestet und abgestimmt werden.

Es geht also nicht darum, „Frauen noch mehr zu verkaufen“. Bei diesem Ansatz geht es weniger um Frauen, als um Umsätze. Weniger um die Schaffung nachhaltiger und sinnvoller Produkte, als um die Vergrößerung des Pink-Blau-Grabens. Beim Gender Lens Investing ist das Ziel, in die Entwicklung von Waren und Services (und Wertschöpfungsketten) zu investieren, die Frauen und Mädchen gezielt echten Mehrwert bieten, sie stärken und ihre Lebensbedingungen verbessern.

Das bedeutet den Designprozess so zu verändern, dass Produkte nicht für Frauen, sondern mit ihnen geschaffen werden, statt das nächste rosa Teil in die Regale zu legen. Wir reden von der Verringerung der Sterblichkeitsrate, von der Verbesserung der Hygiene-Bedingungen für Frauen und ähnlichen Ansätzen. Unternehmen, die sich ernsthaften Problemen von Frauen annehmen können durch das Gender Lens Investing gezielt gefördert werden – das bedeutet größere Erfolgschancen für alle Stakeholder.

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Julia F.

Julia F.

Julia ist unsere Spezialistin im Bereich “Frauen und Geldanlage”. Selbst als Quereinsteigerin in die Finanz-Szene gestartet, setzt sie sich bei uns mit den typischen Fragen und Unsicherheiten von Frauen beim Thema Geldanlage und Vermögensaufbau auseinander. Und sie spricht aus Erfahrung, denn sie ist mittlerweile selbst erfolgreiche Anlegerin. Julia gewährt uns mit ihren Beiträgen einen Einblick in die weibliche Welt der Geldanlage und des Vermögensaufbaus.

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