Was ist Stakeholder Capitalism und warum ist er für Frauen wichtig?

Seit Beginn dieses Jahres geistert der Begriff „Stakeholder Capitalism“ durch die Finanzwelt. Ungleich konkreter wurde seine Gewichtung im Zuge der Corona-Krise. Das Konzept, initiiert vom World Economic Forum in Davos Anfang 2020, soll die bisherigen Leitlinien, an denen sich die Finanzwelt bis dato orientiert hat, ablösen und einen, sagen wir, ganzheitlicheren Ansatz ins Spiel bringen.

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Julia F.

26. Juli 2020

Stakeholder Capitalism - Definition, Funktion und Wirkung

26. Juli 2020

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Für so manchen Anleger, egal ob weiblich oder männlich, mag dieser Begriff zugegebenermaßen etwas sperrig klingen und das Konzept wenig durchschaubar sein. Nehmen wir uns also den wichtigsten Definitionen von und Antworten auf das Konstrukt des “Stakeholder-Kapitalismus” an und bringen ein bisschen Licht ins Fachjargon-Dunkel.

Was ist Stakeholder Capitalism?

Kurzdefinition: Stakeholder Capitalism ist ein Gelöbnis, Geschäfte im Dienste aller Stakeholder zu machen, statt nur im Dienste der Gewinne und Renditen.

Das Konzept des Stakeholder-Kapitalismus bezieht sich auf ein Finanzsystem, in dem alle, sich darin befindlichen Unternehmen und Konzerne so arbeiten und wirtschaften, dass die Interessen aller ihrer Stakeholder berücksichtigt werden. Solche Stakeholder sind grundsätzlich die Gesamtheit aller in irgendeiner Form Beteiligten oder Betroffenen (gegenständlicher und abstrakter Natur), auf die sich die unternehmerischen Aktivitäten eines Konzerns auswirken.

Das heißt konkret: Stakeholder sind die Kunden ebenso wie die Zulieferer, die Angestellten genauso wie die Aktionäre, das lokale Gemeinwesen ebenso wie das globale. Je nach Ansatz können hierzu auch das Klima, der Umwelt und der Planet gezählt werden – denn deren Erhalt dient letztendlich ebenso dem Gemeinwohl und macht sie somit zu den eigentlich Grundlegendsten aller Stakeholder.

Gemäß dem Prinzip des Stakeholder Capitalism, ist der Zweck eines Unternehmens der, langfristige Vermögenswerte zu generieren und keine kurzfristige und kurzlebige Gewinnmaximierung anzustreben, bei der den Anteilseignern (Shareholder, also: Aktionären) mehr Wert beigemessen wird als den Interessenverbänden (sprich: Stakeholder-Gruppen).

Ein Konzept, das vor den 1970er Jahren weit verbreitet war, bis einflussreiche Ökonomen mit dem Argument, Konzerne seien nur ihren Investoren Rechenschaft schuldig, vom Shareholder Capitalism abgelöst wurde. Seit den späten Neunzigerjahren rückt Stakeholder-Kapitalismus nun wieder verstärkt in den Fokus. Und seit der Klimakrise hat das Konzept noch mal Auftrieb gewonnen. Corona scheint die Bewegung zuletzt zusätzlich zu befeuern.

Die Wiederbelebung des Stakeholder-Konzepts in Davos

WEF - vom Shareholder zum Stakeholder Capitalism
Economic World Forum Davos 2020: Aufnahme des sogenannten “Stakeholder Capitalism” in den Grundsatzkatalog – Bildquelle: RoboAdvisor-Portal.com
 

Das World Economic Forum (WEF) nahm sein 50. Jahrestreffen in Davos Anfang 2020 zum Anlass, den Stakeholder Capitalism in ihrem Davos Manifest, das über 40 Jahre unberührt blieb, in Form eines Grundsatzkatalogs festzuhalten. 

Der Begründer und CEO des World Economic Forums, Klaus Schwab ist seit langem bekennender Anhänger der Stakeholder-Theorie und argumentierte:

Klaus Schwab - CEO des WEF und Stakeholder Capitalism Freund
Klaus Schwab – Freund und Verfechter des Stakeholder Capitalism

“Die Menschen begehren gegen die Wirtschaftseliten auf, von denen sie sich betrogen fühlen und unsere Bemühungen, die Erwärmung der Erdatmosphäre auf 1,5°C zu begrenzen, verfehlen ihr Ziel in gefährlichem Maße.”

Die Wirtschaft muss sich nun den Stakeholder-Kapitalismus vollends zu eigen machen, was eben nicht nur Gewinnmaximierung bedeutet, sondern auch die Nutzung ihrer Fähigkeiten und Ressourcen in Zusammenarbeit mit den Regierungen und der Zivilgesellschaft, um die Schlüsselfragen dieses Jahrzehnts anzugehen. Sie müssen aktiv ihren Anteil zu einer Welt mit mehr Zusammenhalt und Nachhaltigkeit beitragen.“

Gemeinsam mit den vier größten Wirtschaftsprüfungsgesellschaften der Welt (Deloitte, Ernst & Young, KPMG und PricewaterhouseCoopers) entwickelt das WEF derzeit einen Katalog an allgemein gültigen Metriken und Auskunftsdaten, die Unternehmen in ihre Jahresberichte aufnehmen können, um ihre sozial gesellschaftliche und umwelt-relevante Performance zu messen. Davon erhofft man sich, dass ausreichend Kapital zur Erreichung der Nachhaltigkeitsziele gesichert werden kann.

Was bedeutet das in der Praxis?

Das Konzept kann, grob gesagt, auf zwei Weisen umgesetzt werden. Entweder es wird als Modell durch Gesetze und Regulierungen der Regierungs-Verantwortlichen durchgesetzt und der Gesamtheit der Konzerne aufoktroyiert. Oder die Führungsgremien einzelner Unternehmen übernehmen das Prinzip von sich aus. Das könnten sie beispielsweise tun, indem sie:

 

  • gerechte Löhne bezahlen,
  • die Durchschnitts-Gehälter der Chefetage senken,
  • Sicherheit und Schutz am Arbeitsplatz gewährleisten,
  • ihrer Pflicht Steuern zu zahlen nachkommen, statt nach Schlupflöchern zu suchen,
  • guten Kundenservice bieten,
  • ehrliche, transparente Marketing-Maßnahmen ergreifen,
  • in das Gemeinwesen (vor Ort) investieren,
  • und Umweltschäden vorbeugen.

Bislang gibt es keine verpflichtenden Erwartungen dieser Art an Unternehmen. Doch im Grunde kennen die Konzerne die Forderungen der Menschen:

  • faire Bezahlung
  • ethisches Handeln seitens der Chefetagen
  • Einhaltung und Einführung von Mindestlöhnen
  • die Work-Life-Balance respektieren
  • Mitarbeiter durch Zusatzleistungen stärken
  • gleiche Chancen und Möglichkeiten schaffen
  • Waren herstellen, die nicht nur Gewinn, sondern auch Nutzen bringen.

Was das Prinzip Stakeholder Capitalism für Frauen bedeutet

Frauen sind Teil all der oben aufgeführten Stakeholder-Gruppen (und darüber hinaus). Und auch, wenn sich die Situation für Frauen (Pay Gap, Pension Gap, Investment Gap, Entepreneurship Gap, Mental Load Gap, usw. usf.) in einigen Ländern stetig verbessert, geht weltweit betrachtet immer noch ein Drittel weniger Frauen arbeiten, als Männer. Und zwar (global gesehen) für ein nur halb so großes Einkommen.

Die Zukunft der Arbeitnehmerschaft hängt vom Erfolg dieser großen Stakeholder-Gruppe „Frauen“ ab. Würde man allein die Gender Gap bei der Gründung und Leitung von Unternehmen führen, könnte man das Bruttoinlandsprodukt global um 6% steigern.

Frauen stellen rund die Hälfte der Bevölkerung. Entsprechend groß sollte ihre Lobby sein. Mit Hilfe der Stakeholder Capitalism Prinzipien können Ziele der Gleichstellung und Gleichberechtigung nachhaltig verfolgt werden. Ein Beispiel könnte die Unternehmensstruktur sein, die durch die Integration von Kinderbetreuungseinrichtungen die Chancen für Mütter in der Arbeitswelt verbessert.

Oder Unternehmen, die sich auf Bildungsebene engagieren, um eine gute Ausbildung für den Nachwuchs zu fördern, wodurch nicht nur Mütter entlastet würden, sonder auch qualifizierter Personalnachwuchs heranwüchse.

Manche Ökonomen sehen gerade in Frauen und den ihnen zugeordneten „typisch weiblichen“ Eigenschaften, die stärkste Triebfeder für das Gelingen eines Stakeholder Capitalism. Der Grundgedanke ist dabei, weibliche Stärken in der Unternehmensführung auszuspielen, um ein neues Kapitalismusparadigma zu formen, bei dem Stärken gefördert werden.

Und das mache, so etwa Christine Lagarde vom International Monetary Fund, auch ökonomisch Sinn. Denn jede Volkswirtschaft verzeichnet Einsparungen bei gleichzeitiger Produktivitätssteigerung, wenn Frauen Zugang zum Arbeitsmarkt haben.

Untersuchungen haben ergeben, dass Frauen in der Führungsebene sich oft durch einen auf langfristig positive Auswirkungen konzentrierten Führungsstil auszeichnen. Sie interpretieren Herausforderungen als Möglichkeiten dazuzulernen, schaffen Vertrauen, mobilisieren andere, indem sie sie ermutigen, Gelegenheiten zu ergreifen, Positivität einbringen und offen sind für Neues. Frauen in Führungspositionen investieren anders, legen den Fokus etwa eher auf Gesundheit, Bildung, Infrastruktur und Armutsbekämpfung.

Ähnlich wie beim „weiblichen“ Führungsstil geht es beim Stakeholder Capitalism darum, die Sinnhaftigkeit des eigenen Tuns in den Mittelpunkt zu stellen. Schon 2013 kam der Autor, Babson-College-Professor und Mitbegründer der Conscious Capitalism Inc. zu dem Schluss, dass ein Stakeholder-zentriertes System in der Unternehmensführung zu überdurchschnittlicheren Gewinnen führt.

Als ein wesentlicher Bestandteil der Stakeholder können Frauen auf unterschiedliche Weise den Druck auf Unternehmen und Konzerne erhöhen. Etwa, indem sie sich in Betriebsräten engagieren. Aber auch, indem sie spezifische Geldanlagen tätigen, die sich vor allem durch lange Anlagehorizonte und das gezielte Investment in Unternehmen, die dem Stakeholder-Prinzip folgen und sich vor allem in solchen Unternehmen bewerben und dort Führungspositionen und Anteilseignerschaften anstreben.

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Julia F.

Julia F.

Julia ist unsere Spezialistin im Bereich “Frauen und Geldanlage”. Selbst als Quereinsteigerin in die Finanz-Szene gestartet, setzt sie sich bei uns mit den typischen Fragen und Unsicherheiten von Frauen beim Thema Geldanlage und Vermögensaufbau auseinander. Und sie spricht aus Erfahrung, denn sie ist mittlerweile selbst erfolgreiche Anlegerin. Julia gewährt uns mit ihren Beiträgen einen Einblick in die weibliche Welt der Geldanlage und des Vermögensaufbaus.

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