Die Nachfrage nach nachhaltigen Geldanlagen durchläuft derzeit eine Phase der Konsolidierung, die sich deutlich von der Wachstumsdynamik der Jahre 2019 bis 2021 unterscheidet. Während ESG-Investments (Environmental, Social, Governance) lange als unverzichtbarer Bestandteil moderner Portfolios galten, zeigen aktuelle Daten einen Rückgang des Anlegerinteresses. Diese Entwicklung lässt sich nicht auf einen einzelnen Faktor reduzieren, sondern resultiert aus einem komplexen Zusammenspiel ökonomischer, regulatorischer und methodischer Herausforderungen.
Markus G
Zuletzt aktualisiert am: 28. Mai 2026
28. November 2025
Die globalen Mittelabflüsse aus nachhaltigen Fonds dokumentieren die veränderte Stimmung präzise. Nach Erhebungen von Morningstar verzeichneten nachhaltige Fonds in Europa im Jahr 2023 erstmals seit 2018 Nettoabflüsse in Höhe von 16 Milliarden Euro. Im Gesamtjahr 2024 stabilisierten sich globale ESG-Fonds noch mit Nettozuflüssen von 38 Milliarden US-Dollar — doch das Bild trübte sich deutlich ein.
2025 markierte dann eine Zäsur: Laut Morningstar verzeichneten globale nachhaltige Fonds im Gesamtjahr 2025 Nettoabflüsse in Höhe von 84 Milliarden US-Dollar — das erste Jahr mit jährlichen Rücknahmen seit Beginn der Erfassung 2018. Erstmals floss dabei auch aus Europa per Saldo Kapital ab, während es für die USA bereits das dritte Verlustjahr in Folge war. Gleichzeitig verzeichneten globale offene Fonds und ETFs insgesamt Zuflüsse von fast 1,7 Billionen US-Dollar: Die Fondsindustrie boomte — aber am ESG-Segment vorbei.
Der deutsche Fondsverband BVI berichtete für den deutschen Markt von einem Rückgang der Nettomittelzuflüsse bei nachhaltigen Publikumsfonds um 78 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Das verwaltete Vermögen in nachhaltigen Fonds stagnierte 2024 bei etwa 578 Milliarden Euro, was einem Marktanteil von rund 15 Prozent entspricht. Zum Vergleich lag dieser Anteil Ende 2021 noch bei prognostizierten 20 Prozent für 2024.
Bemerkenswert: Trotz der Abflüsse stieg das Gesamtvermögen nachhaltiger Fonds weltweit dank der Kursgewinne an den Aktienmärkten auf 3,9 Billionen US-Dollar — ein Beleg dafür, dass die Basis noch vorhanden ist, aber aktiv nicht mehr wächst.
Die Performance nachhaltiger Investments hat die ursprünglichen Erwartungen vieler Anleger oftmals nicht erfüllt. Der MSCI World ESG Leaders Index erzielte zwischen Januar 2022 und Oktober 2024 eine Gesamtrendite von minus 2,3 Prozent, während der konventionelle MSCI World Index im gleichen Zeitraum um 8,7 Prozent zulegte. Diese Performancedifferenz von über 11 Prozentpunkten erklärt sich primär durch die Sektorgewichtung: ESG-Fonds waren traditionell in Technologiewerten und erneuerbaren Energien übergewichtet, während sie klassische Energiewerte und Verteidigungsunternehmen untergewichteten.
Besonders deutlich zeigt sich die Underperformance bei spezialisierten Themenfonds. Clean-Energy-Fonds verloren zwischen 2021 und 2023 durchschnittlich 45 Prozent an Wert, während der breite Aktienmarkt weitgehend stabil blieb. Der S&P Global Clean Energy Index notierte im November 2024 etwa 50 Prozent unter seinem Höchststand von 2021. Diese Entwicklung resultierte aus steigenden Zinsen, die kapitalintensive Projekte im Bereich erneuerbarer Energien unattraktiver machten, sowie aus enttäuschenden Quartalszahlen führender Unternehmen der Branche.
Die Annahme, nachhaltige Investments würden durch geringere Risiken langfristig überlegen abschneiden, ließ sich empirisch nicht konsistent bestätigen. Eine Metastudie der Universität Oxford aus dem Jahr 2024, die 1.000 Einzelstudien auswertete, kam zum Ergebnis, dass in 58 Prozent der Fälle kein signifikanter Performanceunterschied zwischen ESG- und konventionellen Portfolios bestand, in 18 Prozent ESG-Portfolios schlechter und in 24 Prozent besser abschnitten.
Die Glaubwürdigkeit nachhaltiger Investments wurde zudem durch zahlreiche Greenwashing-Skandale beschädigt. Die Deutsche Bank musste 2023 nach Untersuchungen der Securities and Exchange Commission (SEC) 25 Millionen US-Dollar Strafe zahlen, weil ihre Tochtergesellschaft DWS irreführende Angaben zur ESG-Integration gemacht hatte. Goldman Sachs Asset Management zahlte 2024 vier Millionen US-Dollar zur Beilegung ähnlicher Vorwürfe wegen Greenwashing.
Eine Untersuchung der Finanzaufsicht BaFin aus dem Jahr 2024 beanstandete bei 42 Prozent der geprüften nachhaltigen Fonds in Deutschland unzureichende oder irreführende Nachhaltigkeitsinformationen. Die Europäische Wertpapier- und Marktaufsichtsbehörde ESMA stellte in einem Bericht vom März 2024 fest, dass 60 Prozent der von Fondsanbietern verwendeten ESG-Begriffe nicht hinreichend definiert oder durch objektive Kriterien hinterlegt waren.
Diese Vorfälle führten zu messbarer Verunsicherung bei Anlegern. Nach einer Umfrage des Deutschen Anleger Fernsehens (DAF) vom September 2024 gaben 67 Prozent der Befragten an, den Nachhaltigkeitsversprechen von Finanzprodukten eher nicht oder überhaupt nicht zu vertrauen. Nur 11 Prozent äußerten volles Vertrauen in die Richtigkeit der gemachten Angaben.
Die EU-Offenlegungsverordnung (SFDR), die seit März 2021 gilt, sollte ursprünglich für mehr Transparenz sorgen, führte jedoch zu erheblicher Komplexität. Fondsanbieter müssen zwischen drei Kategorien unterscheiden:
Die Taxonomie-Verordnung, die definiert, welche wirtschaftlichen Aktivitäten als nachhaltig gelten, erwies sich in der Praxis als schwer anwendbar. Viele Fondsgesellschaften stuften ihre Produkte 2023 und 2024 von Artikel 9 auf Artikel 8 herab. Nach Daten von Morningstar wurden in Europa bis Oktober 2024 insgesamt 287 Fonds herabgestuft, was einem verwalteten Vermögen von 175 Milliarden Euro entspricht. Im Jahr 2025 beschleunigte sich dieser Trend weiter: Allein nach Inkrafttreten der neuen ESMA-Richtlinien zur Fondsbenennung im Mai 2025 wurden bis Ende des dritten Quartals insgesamt mindestens 1.450 Artikel-8- und Artikel-9-Fonds umbenannt — das entspricht rund 31 Prozent aller betroffenen Fonds.
Diese Rückstufungen und Umbenennungen erfolgten nicht primär wegen mangelnder Nachhaltigkeit der Portfolios, sondern aufgrund verschärfter regulatorischer Interpretationen und der Vermeidung rechtlicher Risiken. Für Anleger ist die Orientierung dadurch nicht einfacher geworden.
Die EU-Taxonomie deckt derzeit nur etwa 20 Prozent der Wirtschaftsaktivitäten ab, was die praktische Anwendbarkeit einschränkt. Besonders problematisch gestaltete sich die Einstufung von Erdgas und Kernenergie als Übergangstechnologien, die von verschiedenen Mitgliedsstaaten unterschiedlich bewertet wird.
Die Bewertung von Unternehmen nach ESG-Kriterien erfolgt durch spezialisierte Ratingagenturen wie MSCI, Sustainalytics, ISS ESG oder Refinitiv. Die Korrelation zwischen den Ratings verschiedener Anbieter liegt jedoch lediglich bei etwa 0,3 bis 0,5, was auf erhebliche methodische Unterschiede hinweist. Ein Unternehmen kann bei einem Anbieter im obersten Quintil und bei einem anderen im untersten Quintil landen.
Diese Diskrepanzen entstehen durch unterschiedliche Gewichtungen der drei ESG-Säulen, divergierende Definitionen von Materialität und verschiedene Datenquellen. Während einige Ratingagenturen primär auf selbstberichtete Unternehmensdaten setzen, verwenden andere externe Datenquellen und algorithmische Auswertungen. Eine Studie des MIT Sloan aus dem Jahr 2023 dokumentierte, dass die Varianz zwischen ESG-Ratings sechsmal höher ausfällt als bei konventionellen Kreditratings.
Die fehlende Standardisierung führt dazu, dass Anleger nicht verlässlich einschätzen können, ob ein als nachhaltig beworbener Fonds ihren persönlichen Nachhaltigkeitsvorstellungen entspricht. Ein Fonds kann beispielsweise aufgrund guter Governance-Praktiken ein hohes ESG-Rating erhalten, gleichzeitig aber in fossile Energien investiert sein.
In den Vereinigten Staaten hat sich ESG zu einem politisch kontroversen Thema entwickelt — und seit Trumps Rückkehr ins Weiße Haus im Januar 2025 hat sich dieser Kurs drastisch verschärft. Republikanisch regierte Bundesstaaten wie Florida, Texas und West Virginia hatten bereits Anti-ESG-Gesetze verabschiedet; bis Ende 2024 hatten 23 Bundesstaaten entsprechende Regelungen eingeführt oder angekündigt.
Mit Trumps zweiter Amtszeit kamen gezielte Maßnahmen auf Bundesebene hinzu. Im Januar 2025 erließ die Regierung eine Executive Order, die alle DEI-bezogenen Mandate und Programme im Bundesbereich abschaffte — mit unmittelbarer Wirkung auf ESG-Reporting-Anforderungen. Im April 2025 folgte die Order „Protecting American Energy from State Overreach”, die die regulatorische Zuständigkeit der Bundesstaaten über Energiequellen beschränkte. Im Dezember 2025 erließ Trump eine weitere Executive Order, die gezielt die Rolle von Proxy-Advisors wie ISS und Glass Lewis bei ESG- und DEI-Abstimmungen einschränkte und die SEC anwies zu prüfen, ob ESG-Berücksichtigungen durch Vermögensverwalter mit deren Treuepflicht vereinbar sind.
Laut Morningstar hat die ablehnende Haltung der Trump-Administration den Rückzug aus ESG-Investments bei US-Anlegern intensiviert. Viele US-Vermögensverwalter haben ihre ESG-Verpflichtungen zurückgefahren und verfolgen nun einen defensiveren Ansatz bei der Vermarktung ihrer Nachhaltigkeitsprodukte. Konzerne wie Walmart, Meta und Lowe’s reduzierten sichtbar ihre DEI-Commitments. BlackRock-CEO Larry Fink, früher prominenter ESG-Verfechter, verwendet den Begriff in seinen CEO-Briefen seit 2024 nicht mehr; Vanguard zog sich aus der Climate Action 100+ zurück.
Der Bundesstaat Texas hatte 2023 bereits Vermögen von 8,5 Milliarden US-Dollar von BlackRock abgezogen, Florida zwei Milliarden US-Dollar. Diese politisch motivierten Entscheidungen waren der Beginn einer Entwicklung, die 2025 auf Bundesebene angekommen ist.
Die zentralen Faktoren, die zum Rückgang der Nachfrage nach nachhaltigen Geldanlagen führen, lassen sich wie folgt zusammenfassen:
Die Kostenstruktur nachhaltiger Fonds ist differenzierter als oft angenommen — und pauschal teurer sind ESG-Fonds nicht. Die entscheidende Unterscheidung liegt zwischen aktiven und passiven Produkten.
Passive ESG-ETFs weisen eine TER von typischerweise 0,20 bis 0,25 Prozent auf — etwas mehr als vergleichbare Standard-ETFs mit 0,10 bis 0,20 Prozent. Der Aufpreis für die ESG-Filterung ist also real, aber überschaubar.
Aktiv verwaltete ESG-Fonds verlangen dagegen durchschnittlich 1,5 bis 2,5 Prozent TER pro Jahr — was dem Niveau aktiv verwalteter konventioneller Fonds entspricht, nicht systematisch darüber liegt. Eine Untersuchung von Absolut Research zeigte, dass nachhaltige Aktienfonds im direkten Vergleich mit konventionellen Produkten derselben Region sogar teilweise günstigere laufende Kosten aufwiesen — um 0,14 bis 0,29 Prozentpunkte. Grund: Das ESG-Segment hat einen höheren Anteil passiver Produkte und profitiert von Skaleneffekten.
Das eigentliche Kostenproblem bei aktiven ESG-Fonds ist daher nicht die TER im Vergleich zu aktiven Konventionellen — sondern die Frage, ob aktives ESG-Management seinen Preis durch nachweislich bessere Nachhaltigkeitswirkung oder Rendite rechtfertigt. Die empirische Evidenz dafür ist dünn. Hinzu kommen Transaktionskosten von 0,5 bis 3 Prozent bei aktiven Umschichtungen, Ausgabeaufschläge von bis zu 6 Prozent sowie Performance Fees, die in der TER nicht enthalten sind.
Fazit zur Kostenfrage: Passive ESG-ETFs sind marginal teurer als ihre konventionellen Pendants — das ist kein relevantes Argument gegen sie. Aktive ESG-Fonds kosten ähnlich viel wie aktive konventionelle Fonds, liefern aber keinen verlässlich überlegenen Ertrag. Das Kosten-Nutzen-Problem trifft das aktive Fondssegment generell — und bei ESG kommt der enttäuschende Impact-Nachweis erschwerend hinzu.
Die geopolitischen Verwerfungen seit 2022 haben Prioritäten verschoben. Der russische Angriff auf die Ukraine führte zu einer Neubewertung von Energiesicherheit und Verteidigungsfähigkeit. Investments in konventionelle Energieträger und Rüstungsunternehmen, die zuvor von vielen ESG-Fonds ausgeschlossen waren, gewannen wieder an Akzeptanz.
Europäische Regierungen reaktivierten Kohlekraftwerke und verlängerten die Laufzeiten von Kernkraftwerken, um die Energieversorgung zu sichern. Diese pragmatische Neuausrichtung stand im Kontrast zu den ambitionierten Dekarbonisierungszielen von 2021. Anleger beobachteten, dass Nachhaltigkeitsziele bei existenziellen Krisen nachrangig behandelt wurden — was Zweifel an der langfristigen Verlässlichkeit dieser Investmentphilosophie nährte.
Gleichzeitig profitierten Öl- und Gaskonzerne von stark gestiegenen Energiepreisen. ExxonMobil verzeichnete 2022 mit 55,7 Milliarden US-Dollar den höchsten Jahresgewinn in der Unternehmensgeschichte. Shell, BP und TotalEnergies meldeten ähnlich positive Ergebnisse. Anleger, die diese Unternehmen aus ihren Portfolios ausgeschlossen hatten, verpassten erhebliche Renditen.
Umfragen zeigen signifikante Unterschiede zwischen Altersgruppen bei der Bewertung nachhaltiger Investments. Eine Studie des Deutschen Instituts für Altersvorsorge (DIA) vom Juni 2024 ergab, dass 58 Prozent der 18- bis 29-Jährigen Nachhaltigkeitskriterien bei Geldanlagen für wichtig oder sehr wichtig halten, aber nur 31 Prozent der über 60-Jährigen diese Meinung teilen.
Gleichzeitig verfügen ältere Anleger über deutlich mehr investierbares Vermögen. Das Durchschnittsalter deutscher Aktienbesitzer liegt bei 54 Jahren, die Generation 60+ hält etwa 65 Prozent des privaten Geldvermögens. Diese Gruppe orientiert sich primär an messbaren Renditen und Dividenden. Die jüngere Generation, die ESG-Investments grundsätzlich positiver gegenübersteht, verfügt noch nicht über ausreichend Kapital, um Markttrends wesentlich zu beeinflussen.
Die enttäuschende Performance nachhaltiger Fonds seit 2022 führte zusätzlich dazu, dass auch jüngere Anleger ihre Prioritäten überdachten. Eine Befragung der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen vom August 2024 zeigte, dass selbst bei unter 35-Jährigen die Bereitschaft, für nachhaltige Investments Renditeeinbußen zu akzeptieren, von 42 Prozent im Jahr 2021 auf 28 Prozent im Jahr 2024 gefallen war.
Parallel zum Rückgang klassischer ESG-Fonds entwickelt sich das Segment des Impact Investing weiter. Diese Anlagestrategie zielt nicht nur auf die Berücksichtigung von Nachhaltigkeitskriterien ab, sondern auf messbare positive Wirkungen in spezifischen Bereichen wie erneuerbare Energien, soziale Infrastruktur oder nachhaltige Landwirtschaft.
Impact Investments unterscheiden sich von ESG-Investments durch ihren expliziten Wirkungsanspruch und die systematische Messung der erzielten Effekte. Das Global Impact Investing Network (GIIN) schätzte das globale Volumen von Impact Investments Ende 2023 auf 1,2 Billionen US-Dollar, ein Wachstum von 18 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Dieses Segment erwies sich als resistenter gegenüber den Abflüssen, die klassische ESG-Fonds trafen.
Private Markets, insbesondere Private Equity und Venture Capital mit Nachhaltigkeitsfokus, verzeichneten ebenfalls stabilere Mittelzuflüsse. Diese Investments richten sich jedoch primär an institutionelle und vermögende Privatanleger, während Retailanleger nur eingeschränkten Zugang haben.
Die Aussichten für nachhaltige Geldanlagen hängen von mehreren Faktoren ab. Die SFDR-Reform der EU ist im Gange — Ziel ist eine klarere Kategorisierung, die den bisherigen Artikel-8/9-Flickenteppich vereinfacht. Ob und wann diese Reform Anlegervertrauen zurückbringt, bleibt offen.
Technologische Entwicklungen wie Künstliche Intelligenz und Satellitenbildauswertung ermöglichen präzisere Nachhaltigkeitsmessungen. Startups wie Clarity AI oder Arabesque S-Ray nutzen Big Data und Machine Learning, um ESG-Risiken und -Chancen zu quantifizieren. Diese Methoden könnten die Reliabilität von ESG-Ratings verbessern und Greenwashing erschweren.
Geopolitisch hat Trumps Rückkehr zur Präsidentschaft 2025 die globale ESG-Dynamik klar verschoben. Europa bleibt mit 86 Prozent des weltweiten nachhaltigen Fondsvermögens der entscheidende Anker — aber auch hier sind die Zuflüsse 2025 erstmals ins Negative gedreht. Die Frage ist nicht mehr, ob der ESG-Boom vorbei ist, sondern auf welchem Niveau und in welcher Form sich nachhaltiges Investieren neu justiert.
Morningstar-Analystin Hortense Bioy hält fest: Trumps Agenda bedeutet nicht das Ende von ESG-Investing — die Nachfrage sei strukturell vorhanden. Aber das Umfeld aus geopolitischen Spannungen, regulatorischen Rückschritten und uneinheitlicher Performance belaste die Anlagebereitschaft auf absehbare Zeit.
Redaktionelle Einschätzung · RoboAdvisor-Portal.com · Stand Mai 2026
Wir beobachten den deutschen Robo-Advisor-Markt seit 2016 — und beim Thema Nachhaltigkeit fällt eine Zweiteilung auf, die sich in den vergangenen drei Jahren deutlich zugespitzt hat.
Auf der einen Seite stehen Anbieter, die ESG als Marketingschicht über konventionelle ETF-Portfolios gelegt haben. Diese Produkte sind unter Druck geraten — nicht weil Nachhaltigkeit per se gescheitert ist, sondern weil der Anleger erkennt, dass sich ein MSCI-World-ESG-ETF kaum von einem MSCI-World-Standard-ETF unterscheidet, aber etwas mehr kostet und in der jüngsten Performanceperiode schlechter abschnitt.
Auf der anderen Seite stehen Anbieter mit einer verifizierbaren Investmentphilosophie. Vividam etwa verfolgt seit Gründung einen konsequenten Impact-Ansatz: Ausschlussfilter, Best-in-Class-Selektion und Orientierung an den 17 UN-Nachhaltigkeitszielen — ohne passive ETFs, die ESG nur als Label tragen. Evergreen setzt auf hauseigene Fonds mit ESG-Integration, was steuerliche Vorteile beim Rebalancing bietet und eine konsistentere Nachhaltigkeitsumsetzung ermöglicht. Beide Anbieter haben 2025 in einem schwierigen Jahr für nachhaltige Strategien gezeigt, dass ein klar definierter Ansatz stabiler durch Marktphasen trägt als ein generisches ESG-Label.
Daneben bieten Anbieter wie Scalable Capital und Warburg Navigator nachhaltige ETF-Portfolios als Option an — sinnvoll für Anleger, die ESG als Ergänzung zu einem konventionellen Portfolio sehen, nicht als ausschließliches Kriterium.
Unser Fazit: ESG ist nicht gescheitert — generisches ESG ist gescheitert. Wer nachhaltig investieren will, sollte konkret fragen: Welche Unternehmen sind tatsächlich ausgeschlossen? Welche Wirkung wird gemessen? Und welcher Anbieter hat diese Philosophie auch in schwierigen Marktphasen durchgehalten? Das unterscheidet substanzielle Nachhaltigkeit von einem grünen Anstrich.
Die nachlassende Bedeutung nachhaltiger Geldanlagen bei Anlegern resultiert aus einem Bündel von Faktoren, die sich gegenseitig verstärken. Enttäuschende Performance seit 2022, Greenwashing-Skandale, methodische Inkonsistenzen bei ESG-Ratings, regulatorische Komplexität und — seit 2025 neu hinzugekommen — Trumps systematische Anti-ESG-Politik auf Bundesebene haben Vertrauen und Attraktivität beschädigt. Das Jahr 2025 markiert dabei eine Zäsur: Erstmals seit Beginn der systematischen Erfassung floss weltweit per Saldo Kapital aus nachhaltigen Fonds ab.
Dies bedeutet jedoch nicht das Ende nachhaltiger Investments, sondern markiert eine Konsolidierung auf realistischerer Basis. Langfristig wird die Integration von Nachhaltigkeitskriterien in Investmentprozessen voraussichtlich Bestand haben — allerdings in differenzierterer Form und mit schärferen Anforderungen an Glaubwürdigkeit und Messbarkeit.
Für Anleger empfiehlt sich eine kritische Auseinandersetzung mit den eigenen Nachhaltigkeitspräferenzen und eine realistische Einschätzung möglicher Zielkonflikte zwischen Rendite und Impact. Transparente, messbare Nachhaltigkeitsziele und nachvollziehbare Methoden sollten bei der Produktauswahl Vorrang haben vor Marketingversprechen und unkonkreten ESG-Labels. Die aktuelle Marktphase bietet die Chance, nachhaltige Investments auf ein solideres Fundament zu stellen.
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Markus G
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Zuletzt aktualisiert am 28. Mai 2026 by Redaktion
3 Kommentare
Hallo, Herr Gildemeister,
Glückwunsch zu Ihrem guten Artikel.
Bei den Fondskosten zeigt die empirische Evidenz und wiederholte Statistiken der ESMA allerdings nicht das von Ihnen skizzierte, eher das Gegenteil:
https://fng-siegel.org/media/presse/FNG-Siegel-Newsletter-022023.pdf (Seite 31) – ist zwar nicht mehr der aktuellste Artikel, aber am Gesamtbild hat sich auch in neueren Statistiken meines Wissens nach nichts geändert.
Viele Grüße
Roland Kölsch
Hallo Herr Koch, vielen Dank für Ihren Kommentar und den Hinweis. Wir werden das gern nochmal prüfen und den Artikel, falls notwendig, entsprechend aktualisieren. Beste Grüsse, M.Gildemeister
Guter Artikel,
bei den Fondskosten zeigt die empirische Evidenz und wiederholte Statistieken der ESMA aber nicht das von Ihnen skizzierte, eher das Gegenteil:
https://fng-siegel.org/media/presse/FNG-Siegel-Newsletter-022023.pdf
Viele Grüße
Roland Kölsch