Experten-Meinung: “Deutsche sind schlechte Anleger”

Steigende Anlegerzahlen und doch sind Deutsche schlechte Anleger? In der letzten Woche zelebrierte die Szene von Finanzbloggern und Nachrichtenportale eine Aussage des Deutschen Aktien Instituts (DAI), wonach die Anzahl an aktiven Kleinanlegern an den Börsen gestiegen sei. Hurra – die Deutschen investieren wieder. Immerhin rund 10,3 Millionen Bürger, die älter sind als 14 Jahre, besitzen Aktien von Unternehmen oder Aktien- , Investmentfonds. Damit ist die Zahl der aktiven Anleger im Jahresdurchschnitt um immerhin rund 250.000 gewachsen. Ein Wert, der erstmals seit dem 2007 wieder einen Höchststand markiert.

Markus

Markus G.

16. März 2019

Ist der deutsche Anleger schlecht in seinen Investment Entscheidungen?

16. März 2019

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Doch liefert ein solcher Anstieg nun den Beleg dafür, dass sich in der generellen Einstellung des deutschen Kleinanlegers zum Thema Geldanlage in Aktien, Investmentfonds und Co. nun etwas Gravierendes geändert hat? Nein – denn bei genauerer Betrachtung liegt für den Anstieg vor allem ein wesentlicher Grund vor: Die klassischen und bis dato bevorzugten Kapitalanlagen a la Tagesgeld und Festgeld werfen schlicht nichts mehr ab. Was soll man bitte mit einer Tagesgeldverzinsungen von teilweise gerade einmal 0,15 Prozent noch „reißen“? Richtig – gar nichts!

Die Rückkehr der Anleger zu Aktieninvestments?

Also auf in Aktien-Investments? Nein – da ist dann doch zu risiko- und verlustreich. Was durch folgende Auswertung des DAI belegt wird: Die deutschen Anleger interessierten sich vor allem für Anteile an Investmentfonds. Die Zahl jener Anleger, die sich mit ihrer Geldanlage auf den Erwerb von Fondsanteilen fokussierten, stieg hier um immerhin 617.000

Doch bei den direkten Investments in Aktien präsentiert sich eine gegenteilige Entwicklung: Hier sank die Anzahl von 4,9 Millionen auf nunmehr etwas über 4,5 Millionen – einem Rückgang von mehr als 300.000 Anlegern. Nun mag man hier sicherlich im Verhältnis zur Gesamtanlegerzahl zu Aussagen verleiten lassen, dass eine Reduzierung etwas mehr als 300.000 nicht ins Gewicht fallen würde, doch sprechen wir hier prozentual von immerhin mehr als 9 %.

Dax schwächelt, Zinsen im Keller und das Bedürfnis der sicheren Geldanlage

Und auch hier ist die Erklärung recht einfach zu finden: Der Dax büßte im Jahr 2018 mehr als 18 % an Wert ein. Somit markiert das Jahr 2018 das verlustreichste Jahr für den deutschen Leitindex seit der globalen Finanzkrise 2018.

Im Klartext: Tagesgeld und Festgeld Investments sind aufgrund zu niedriger Zinsen zunehmend unattraktiv, Aktien zu spekulativ, also zu risikoreich, also wird in Investmentfonds investiert. Erwartungshaltung: Halbwegs gute Rendite und vor allem akzeptable, oder besser: benötigte Kapital-Sicherheit! Ja – da ist sie wieder des deutschen Anlegers dringendstes Bedürfnis nach Sicherheit.

Und wir kennen es alle: Dieses Bedürfnis nach der finanziellen „hohen Kante“. Etwas für etwaige finanzielle Notfälle in der Hinterhand zu haben. Irgendwo und irgendwie ein wenig „Geld parken“. Da wird dann Geld einfach auf dem Bankkonto gehortet, auf dem Tagesgeldkonto geparkt, bestenfalls noch irgendwelche Lebensversicherungen, Bausparverträge etc. angelegt. Hauptsache sicher und vor Kapitalverlust geschützt

Das man mit einer gut durchdachten Anlagestrategie das mühsam ersparte und auf die „hohe Kante“ gelegte Geld durchaus automatisiert vermehren könnte, kommt dem Großteil potentieller Anleger nicht wirklich in den Sinn. Alles zu risikoreich! Nachwehen der zahlreichen Finanzkrisen der letzten Jahrzehnte?

Gute Rendite UND sichere Geldanlage muss es sein!

Zugegeben – die Frage, wo sich heute noch GUT UND SICHER Geld anlegen lässt, ist zweifelsohne bei den Bürgern existent. Die Frage ist jedoch, ob der, vom Großteil deutscher Anleger gewählte Weg des Vermögensaufbaus, der Richtige ist? Und hierauf darf man wohl ohne Zweifel mit einem „Nein“ antworten. Daran ändern auch nicht die aktuellen Erkenntnisse des Deutschen Aktien Instituts über eine steigende Anzahl von, an die Börse zurückkehrende Anleger etwas. Das belegt gar nichts! 

Außer jener, dass bei niedrigen Zinsen die Anlageklasse geändert wird, hier aber immer der Faktor „Sicherheit“ der offensichtlich entscheidende Faktor ist. Provokante Frage also:

Sind wir deutschen Kleinanleger Feiglinge beim rendite-orientierten Vermögensaufbau?

Ja – sind wir und es lässt sich sogar belegen. Zumindest dann, wenn man den Erklärungen von Herrn Dr. Stelter zu diesem Thema folgt. Und wer eben jenen Hr. Dr. Stelter nicht kennt: Er ist Makroökonom und Strategieberater, Verfasser zahlreicher Fachartikel, Buchautor und Betreiber des Blog „Think Beyond The Obvious“. Er gilt – laut FAZ – als einer der 100 einflussreichsten Ökonomen Deutschlands und hat mit seinem Buch “Das Märchen vom reichen Land“ für reichlich Diskussionsstoff gesorgt.

 

Sicherheit statt Mut bei der Geldanlage: Die Deutschen sind schlechte Anleger

Und laut eben jenem Dr. Stelter sind die Deutschen „die schlechtesten Geldanleger, die man sich vorstellen kann.” Und er hat dafür eine wenig überraschende Erklärung – der deutsche Anleger ist ein Angsthase! Dementsprechend äußerte sich der Finanz-Experte in einem, mit dem Magazin Focus geführten Interview:

“Die Deutschen haben eine hohe Präferenz für Sparbuch, Bankkonto oder Lebensversicherung. Das wurde auch von der Politik der letzten Jahrzehnte getrieben, weil man so die billige Staatsfinanzierung sicherstellen wollte. Laut einer Studie der Uni Bonn lagen die Wertsteigerungen in den vergangenen 150 Jahren bei Immobilien und Aktien zwischen sechs und acht Prozent p.a. Bei Staatsanleihen konnten über die Jahre mit Glück etwa ein Prozent Rendite p.a. erzielt werden. Wirklich sicher ist bei dieser Form des Sparens somit nur der Verlust.”

Und er liefert auch gleich ein adäquates Rechenbeispiel zur Untermauerung seiner Aussage.

Wer, seiner Rechnung nach 1.000 € über einen Zeitraum von 30 Jahren zu einer Verzinsung von einem Prozent angelegt hätte, wäre zu so zu einem angesparten Vermögen von 1.350 Euro gekommen – nach 30 Jahren wohlgemerkt!

Das Gegenbeispiel? Wäre derselbe Betrag mit derselben Laufzeit in Immobilien und Aktien und einer belegbaren Verzinsung von durchschnittlich 6 Prozent angelegt worden, würden so bereits 5.740 Euro als Ertrag dastehen. Ein deutliches Mehr also.

Erkenntnis? Kapitalsicherheit kostet Rendite und zwar nicht gerade wenig. Woraus man sicherlich schlussfolgern darf, vielleicht sogar muss, dass die vermeintlich sichere Variante der Geldanlage nicht gerade die Ertragsstärkste ist.

Das „hoffen der Anleger“ auf steigende Zinsen

Stellt sich also die Frage, was ein Experte dann unter dem Aspekt der Geldanlage empfiehlt? Zuallererst gilt einmal das „frei machen“ von dem Bedürfnis und dem eher hinderlichen Wunsch nach einer sicheren, aber rendite-starken Geldanlage. Eine Kombination, die es so schlicht nicht gibt und wohl auch nie geben wird.
Wer dennoch darauf hofft, beispielsweise durch steigende Zinsen und damit auch einem Anstieg der Verzinsung von Sparguthaben auf Tagesgeld und Festgeld, wieder ansprechende Renditen zu erzielen, erteilt Dr. Stelter eher einen Dämpfer.

Denn der Experte meint:

“Aus meiner Sicht gibt es keine Hoffnung auf einen zeitnahen Wandel bei den Zinsen. Die Bundesregierung um Frau Merkel hat sich geweigert, das Grundproblem des Euro anzugehen. Und solange wir das nicht lösen, werden die Zinsen so niedrig bleiben.”

Zu welchen Investments der Experte rät

So darf es nicht wundern, wenn ein Experte wie Dr. Stelter letztendlich die klassische Empfehlung ausspricht, das zur Verfügung stehende Kapital aufzuteilen und grundsätzlich in Aktien, Immobilien und Edelmetalle (allem voran Gold) zu investieren und eine kleine Position Cash zu halten. Wobei Cash für ihn als Platzhalter für Anleihen, für die es ohnehin kaum Zinsen gibt, gilt.

Und er gibt konkrete Tipps, wie man innerhalb der genannten Anlageklassen sein Kapital investieren sollte.

So sollte man bei Aktien nicht sein gesamtes, für diese Anlageklasse geplante Kapital auf einen Schwung investieren, sondern gestaffelt. Was nichts anderes bedeutet, als das schwache Börsenphasen für Zukäufe beziehungsweise Nachkäufe genutzt werden sollten. Zudem rät er die Anlagestrategie bei Aktien global und nicht allein auf einen Markt beziehungsweise Index auszurichten.

Und auch für ein mögliches Investment in Immobilien gibt er einen klaren Hinweis: Keinesfalls Langfrist Investments eingehen. Grund? Seiner Meinung nach müsse man als Anleger >>

“kurz- und mittelfristig mit noch deutlicheren Eingriffen der Politik im Wohnungsmarkt rechnen. Da sei man mit der Mietpreisbremse und der Begrenzung der Modernisierungsumlage sicherlich noch nicht am Ende der Entwicklung.”

Einzig zu Thema Gold äußert sich Dr. Stelter in dem Focus Interview nicht. Sicherer Hafen also und somit dann doch wieder eine Geldanlage für den „feigen deutschen Anleger“?

Übrigens: Das vollständige Interview mit Herrn Dr. Stelter findet sich >> Hier << Sehr lesenswert!

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Markus G

Markus ist der “Kopf” des Teams. Ideengeber, Vermarkter, Redakteur und irgendwie an allem auf diesem Portal beteiligt. Ohne ihn würde es dieses Portal so nicht geben. Eine Idee – entstanden aus dem persönlichen Interesse an FinTech und nun langjähriger Erfahrungen in der Finanz-Szene. Zudem ist Markus Kolumnist auf zahlreichen Investment-Plattformen – vor allem im englischsprachigen Raum, aber u.a. auch auf Focus.de
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