Er gilt als Meister des Distressed-Debt-Investings und seine Memos werden in der Finanzwelt mit größter Aufmerksamkeit gelesen – Howard Marks. Als Co-Gründer und Co-Chairman von Oaktree Capital Management hat er eines der größten und erfolgreichsten Alternative-Investment-Unternehmen der Welt aufgebaut. Mit über 160 Milliarden Dollar verwaltetem Vermögen und einer langfristigen Rendite von 19 Prozent jährlich nach Gebühren gehört Oaktree zur absoluten Elite der Investmentbranche.
Doch Marks ist weit mehr als ein erfolgreicher Fondsmanager. Er ist ein Philosoph der Märkte, dessen Investmentmemos so einflussreich sind, dass selbst Warren Buffett erklärt hat: “Wenn ich Memos von Howard Marks in meiner Post sehe, öffne und lese ich sie als erstes. Ich lerne immer etwas daraus.”
Was macht Howard Marks also zu einem der gefragtesten Investmentexperten der Welt? Welche Prinzipien stehen hinter seinem Erfolg in den oft gemiedenen Bereichen notleidender Kredite und alternativer Investments? Und welche Lektionen können Anleger aus seiner Philosophie des “Second-Level-Thinkings” und des defensiven Investierens ziehen?
Markus G
4. Dezember 2025
Zuletzt aktualisiert am: 21. November 2025
Howard Stanley Marks wurde 1946 als Sohn italienischer Einwanderer in New York geboren. Seine Eltern prägten ihn mit ihrer Arbeitsethik und dem Wunsch nach Bildung als Weg zum Aufstieg. Anders als viele seiner späteren Kollegen an der Wall Street kam Marks nicht aus wohlhabenden Verhältnissen – was seinen pragmatischen und vorsichtigen Investmentansatz später maßgeblich beeinflussen sollte.
Er studierte an der renommierten Wharton School der University of Pennsylvania, wo er 1967 cum laude mit einem Abschluss in Finance und einem Nebenfach in Japanese Studies graduierte. Die Wahl des Japan-Studiums war untypisch für angehende Wall-Street-Banker, zeigte aber bereits seine Bereitschaft, über den Tellerrand zu schauen. Nach Wharton absolvierte er 1969 einen MBA in Accounting und Marketing an der University of Chicago Booth School of Business, wo er den begehrten George Hay Brown Prize erhielt.
Seine erste Position nach dem Studium führte ihn 1969 zur Citibank, wo er als Aktienanalyst begann. Mit gerade einmal 23 Jahren analysierte er Unternehmen und lernte die Grundlagen der Fundamentalanalyse. In den folgenden neun Jahren arbeitete er sich hoch zum Director of Research bei Citicorp Investment Management. Diese Zeit war prägend – Marks lernte, Unternehmen zu bewerten, Risiken zu identifizieren und die Psychologie der Märkte zu verstehen.
1978 wechselte Marks zu TCW Group, einem aufstrebenden Investmentunternehmen in Los Angeles. Dort sollte er die nächsten 17 Jahre verbringen und die Grundlagen für sein späteres Lebenswerk legen. Bei TCW wurde er verantwortlich für Investments in High-Yield-Anleihen und Wandelanleihen – Bereiche, die damals noch als riskant und unkonventionell galten. 1988 organisierte er gemeinsam mit Bruce Karsh einen der ersten Distressed-Debt-Fonds einer großen Finanzinstitution. Der Erfolg dieser Strategie sollte seinen Ruf als Experte für notleidende Wertpapiere begründen.
1995 traf Howard Marks eine Entscheidung, die sein Leben verändern sollte. Nach fast zwei Jahrzehnten bei TCW wollten er, Bruce Karsh und drei weitere Partner ihre eigene Firma gründen. Der Grund war simpel: Sie wollten die Kontrolle über ihre Investmentstrategien und eine Unternehmenskultur schaffen, die ihren Werten entsprach. Ihr Vorschlag an TCW war pragmatisch – sie würden die Fonds weiterführen, die sie bereits verwalteten, und TCW würde einen Anteil an den Managementgebühren erhalten.
TCW lehnte ab. Also gingen die fünf Partner und gründeten Oaktree Capital Management in Los Angeles. Der Name war programmatisch – die Eiche steht für Stärke und Beständigkeit, genau die Eigenschaften, die sie als Investoren verkörpern wollten. Was als bescheidener Start begann, sollte zu einem der erfolgreichsten Alternative-Investment-Unternehmen der Welt werden.
Oaktrees Fokus war klar definiert: Sie konzentrierten sich auf weniger effiziente Märkte, in denen gründliche Analysen und geduldiges Investieren noch Vorteile bringen konnten. Ihre Kernbereiche waren Distressed Debt, High-Yield-Bonds, Mezzanine-Finanzierungen und später auch Private Equity und Real Assets. Anders als viele Hedgefonds mieden sie öffentliche, hocheffiziente Aktienmärkte, wo Informationsvorsprünge kaum noch zu erzielen waren.
Der Erfolg ließ nicht lange auf sich warten. Oaktrees disziplinierter Ansatz und der Fokus auf Kapitalerhalt bei gleichzeitigen attraktiven Renditen überzeugten institutionelle Anleger. Während der Finanzkrise 2008 bewies Marks sein außergewöhnliches Timing. Bereits 2007 hatte er in seinen Memos vor überhitzten Märkten und zu niedrigen Risikoprämien gewarnt. 2008 sammelte Oaktree dann 10,9 Milliarden Dollar – den größten Distressed-Debt-Fonds der Geschichte – und kaufte notleidende Assets zu Schleuderpreisen. Diese Investments zahlten sich für die Investoren spektakulär aus.

Seine Investmentphilosophie lässt sich in einem Begriff zusammenfassen: Second-Level-Thinking. Dieses Konzept ist der rote Faden, der sich durch all seine Schriften und Strategien zieht. Während First-Level-Thinking simpel und linear ist – “Das ist ein gutes Unternehmen, ich kaufe die Aktie” – erfordert Second-Level-Thinking tiefere Überlegungen.
Ein Second-Level-Investor fragt sich:
Diese komplexere Denkweise unterscheidet erfolgreiche Investoren von der Masse.
Ein weiterer Kernaspekt ist sein Verständnis von Risiko. Für ihn ist Risiko nicht Volatilität oder Beta, sondern die Wahrscheinlichkeit eines dauerhaften Kapitalverlustes. Ein Investment kann stark schwanken und trotzdem wenig riskant sein, wenn der intrinsische Wert deutlich über dem Kaufpreis liegt. Umgekehrt kann ein scheinbar stabiles Investment hochriskant sein, wenn es überbewertet ist. Diese Definition hat fundamentale Auswirkungen auf seine Strategie.
Dabei unterscheidet er zwischen zwei Arten von Risiko:
Konservative Investoren fürchten das erste, aggressive das zweite. Marks argumentiert, dass man seine persönliche Situation ehrlich bewerten und die Strategie entsprechend wählen sollte. Es gibt keine universell richtige Antwort – nur die Antwort, die zu den eigenen Umständen passt.
Ein drittes Prinzip ist Contrarian investing. Marks glaubt fest daran, dass die besten Gelegenheiten entstehen, wenn andere in Panik verkaufen oder in Euphorie kaufen. Seine berühmte Maxime:
“Du kannst nicht besser abschneiden als der Durchschnitt, wenn du das Gleiche tust wie alle anderen.”
Konträr zu sein bedeutet jedoch nicht, einfach das Gegenteil der Masse zu tun. Es bedeutet, unabhängig zu denken und zu handeln, wenn die eigene Analyse es rechtfertigt.
Oaktrees Kernkompetenz liegt im Bereich Distressed Debt – dem Kauf notleidender Kredite und Anleihen. Für viele Anleger ist dieser Bereich abschreckend. Unternehmen in finanziellen Schwierigkeiten, komplexe rechtliche Strukturen, Insolvenzverfahren – das klingt nicht nach attraktiven Investments. Doch genau hier sieht Marks die besten Chancen.
Die Logik ist einfach: Wenn ein Unternehmen in Schwierigkeiten gerät, verkaufen die meisten Investoren panisch. Banken müssen regulatorisch notleidende Kredite abschreiben. Mutual Funds dürfen oft keine Anleihen halten, die ihre Investment-Grade-Bewertung verloren haben. Diese erzwungenen Verkäufe schaffen Gelegenheiten für geduldige Investoren mit Kapital und Expertise.
Marks und sein Team analysieren dann gründlich:
Diese Analyse erfordert tiefes Verständnis von Bilanzen, Rechtssystemen und Verhandlungstaktik.
Der Erfolg gibt Marks recht. Oaktrees Distressed-Debt-Fonds haben über Jahrzehnte hinweg beeindruckende Renditen erzielt, gerade in Krisenzeiten. Während andere Verluste erleiden, kauft Oaktree Assets zu Cents pro Dollar und realisiert später hohe Gewinne, wenn sich die Situation stabilisiert oder die Unternehmen liquidiert werden.
Was Howard Marks über den Kreis professioneller Investoren hinaus bekannt gemacht hat, sind seine Investment-Memos. Seit Anfang der 1990er Jahre schreibt er regelmäßig Briefe an Oaktree-Kunden, in denen er seine Gedanken zu Märkten, Zyklen und Investmentphilosophie teilt. Diese Memos sind keine trockenen Portfolioberichte, sondern tiefgründige Essays über die fundamentalen Prinzipien erfolgreichen Investierens.
Die Memos behandeln Themen wie Markteffizienz, die Beziehung zwischen Preis und Wert, die Rolle des Glücks, die Psychologie von Investoren und die Wichtigkeit, die eigenen Grenzen zu kennen. Marks schreibt klar, ohne Fachjargon, mit vielen Beispielen und oft mit einer Prise Humor. Seine Fähigkeit, komplexe Konzepte verständlich zu machen, hat die Memos zu Pflichtlektüre gemacht. Selbst Warren Buffett hat einmal erklärt:
“Wenn ich Memos von Howard Marks in meiner Post sehe, öffne und lese ich sie als erstes. Ich lerne immer etwas daraus.”
Besonders berühmt wurde sein Memo “The Most Important Thing” aus dem Jahr 2003, in dem er 20 verschiedene Prinzipien als “das Wichtigste” bezeichnete – jedes für sich unverzichtbar für erfolgreiche Investments. Dieses Memo wurde später zur Grundlage seines gleichnamigen Buches, das 2011 erschien und sofort zum Bestseller wurde.
Warren Buffetts Lob ist nicht die einzige prominente Empfehlung. Seth Klarman von Baupost Group, Joel Greenblatt von Gotham Capital und John Bogle von Vanguard haben alle die Memos als außergewöhnlich wertvoll bezeichnet. Die Memos sind öffentlich auf der Oaktree-Website verfügbar – eine Bibliothek der Investmentweisheit, kostenlos zugänglich für jeden.
Ein besonders eindrucksvolles Beispiel für Marks’ Voraussicht war sein Memo “The Race to the Bottom” aus Februar 2007. Darin warnte er vor zu niedrigen Risikoprämien, zu lockeren Kreditstandards und überhöhten Bewertungen. Ein Jahr später brach die Finanzkrise aus. Während andere überrascht waren, hatte Marks seine Investoren bereits vorbereitet und Kapital für Gelegenheiten reserviert.
Howard Marks hat drei Bücher veröffentlicht, die alle zu Standardwerken für Value-Investoren geworden sind. Das erste und bekannteste ist “The Most Important Thing: Uncommon Sense for the Thoughtful Investor“, erschienen 2011. Das Buch destilliert Marks’ Investmentphilosophie in 20 Kapitel, jedes gewidmet einem Aspekt, der als “das Wichtigste” gelten kann.
Das Besondere: Marks illustriert jedes Konzept mit Passagen aus seinen Memos, sodass Leser sehen können, wie er diese Prinzipien in Echtzeit anwendete. Themen wie Second-Level-Thinking, die Preis-Wert-Beziehung, Geduld, defensives Investieren und das Verständnis von Zyklen werden mit konkreten Beispielen erläutert. Die erweiterte “Illuminated Edition” von 2013 enthält zusätzlich Kommentare von vier renommierten Investoren – Christopher Davis, Joel Greenblatt, Paul Johnson und Seth Klarman – die Marks’ Ideen aus ihrer Perspektive beleuchten.
2018 folgte “Mastering The Market Cycle: Getting the Odds on Your Side“, in dem Marks sich vollständig dem Thema Marktzyklen widmet.
Seine zentrale These:
“Man muss die Zukunft nicht vorhersagen können, um erfolgreich zu investieren. Stattdessen sollte man verstehen, wo man sich im aktuellen Zyklus befindet, und sein Verhalten entsprechend anpassen. Bei niedrigen Bewertungen und Pessimismus sollte man aggressiver sein, bei hohen Bewertungen und Euphorie defensiver.”
Alle drei Bücher zeichnen sich durch Marks’ klare Sprache und seine Ehrlichkeit aus. Er verherrlicht sich nicht, sondern diskutiert offen seine Fehler und Fehleinschätzungen. Diese Authentizität macht seine Lehren glaubwürdig und umsetzbar.
Marks’ Track Record ist beeindruckend, wenn auch weniger spektakulär als der von Warren Buffett. Seine von ihm geführten Fonds haben über Jahrzehnte eine durchschnittliche jährliche Rendite von 19 Prozent nach Gebühren erzielt. Das klingt vielleicht nicht nach der höchsten Zahl in der Hedgefonds-Welt, aber die Beständigkeit ist außergewöhnlich.
Was Marks auszeichnet, ist nicht die höchste Rendite in guten Jahren, sondern die Vermeidung großer Verluste in schlechten Jahren. Seine Philosophie des defensiven Investierens zahlt sich in Krisen aus. Während der Finanzkrise 2008 verloren viele Hedgefonds 30 bis 50 Prozent. Oaktrees Distressed-Opportunities-Fonds hingegen erzielte positive Renditen, indem er günstig notleidende Assets kaufte.
Diese Fähigkeit, Krisen als Chancen zu nutzen, zeigt sich auch in Oaktrees Wachstum. Von bescheidenen Anfängen 1995 ist das Unternehmen auf über 160 Milliarden Dollar verwaltetes Vermögen gewachsen. 2012 ging Oaktree an die Börse und sammelte 380 Millionen Dollar ein. 2019 wurde das Unternehmen von Brookfield Asset Management übernommen, wobei Marks und sein Team die operative Kontrolle behielten.
Marks selbst hat ein geschätztes Nettovermögen von 2,2 Milliarden Dollar und rangiert regelmäßig auf der Forbes-Liste der Milliardäre. Doch anders als viele seiner Kollegen ist er bekannt für einen relativ bescheidenen Lebensstil und philanthropisches Engagement, insbesondere im Bildungs- und Gesundheitsbereich.
Oaktrees aktuelles Portfolio spiegelt die Strategie wider, in weniger effizienten Märkten nach Value zu suchen. Die größten Positionen per Mitte 2025 sind
Diese Positionen zeigen mehrere Charakteristika von Oaktrees Ansatz: Es sind oft kleinere, weniger beachtete Unternehmen in zyklischen Branchen. Sie handeln typischerweise zu niedrigen Bewertungen im Vergleich zu ihren Assets oder Cashflows. Und sie operieren in Bereichen, die viele institutionelle Investoren meiden – sei es wegen ESG-Bedenken bei Fossil Fuels oder wegen der Komplexität bei Spezialfinanzierungen.
Marks betont regelmäßig, dass Oaktree nicht versucht, den Markt zu timen oder makroökonomische Entwicklungen vorherzusagen. Stattdessen konzentrieren sie sich darauf, einzelne Wertpapiere zu finden, die deutlich unter ihrem intrinsischen Wert handeln. Diese Bottom-up-Strategie hat sich über Jahrzehnte bewährt.
Ein zentrales Element von Marks’ Philosophie ist das Verständnis von Marktzyklen. Er verwendet oft die Metapher einer Uhr, die zwischen Optimismus und Pessimismus pendelt. Die meiste Zeit bewegt sich der Zeiger im mittleren Bereich, doch regelmäßig schwingt er zu Extremen aus – entweder zu übertriebener Euphorie oder zu übertriebener Angst.
Marks argumentiert, dass man diese Position im Zyklus erkennen kann, auch wenn man den exakten Wendepunkt nicht vorhersagen kann. Wenn alle optimistisch sind, Kredite leicht verfügbar sind, Risikoprämien niedrig sind und jeder investiert, ist Vorsicht angebracht. Wenn umgekehrt Pessimismus herrscht, niemand investieren will und Bewertungen niedrig sind, sollte man aggressiver werden.
Ein konkretes Beispiel: 2007 schrieb Marks, dass die Märkte zu optimistisch seien und zu wenig Risiko eingepreist werde. Er reduzierte Risiko in den Portfolios und sammelte Kapital. 2008/2009 war er dann einer der größten Käufer notleidender Assets. Diese antizyklische Strategie funktioniert nicht immer perfekt im Timing, aber über Zyklen hinweg ist sie außerordentlich profitabel.
Marks warnt jedoch davor, zu versuchen, jeden Zyklus perfekt zu nutzen. Seine Strategie ist defensiver: In guten Zeiten durchschnittliche Renditen erzielen und Kapital bewahren. In schlechten Zeiten überdurchschnittlich abschneiden, indem man Verluste vermeidet und günstig kauft. Diese Asymmetrie – weniger verlieren als gewinnen – führt langfristig zu überlegenen Ergebnissen.
Für Howard Marks steht Risikomanagement im Zentrum erfolgreichen Investierens. Seine Philosophie lässt sich in einem Satz zusammenfassen:
“Wenn wir Risiken vermeiden, fallen uns die Renditen zu.”
Diese Umkehrung der üblichen Perspektive ist fundamental für sein Denken.
Marks unterscheidet zwischen offensivem und defensivem Investieren. Offensive Investoren suchen nach Home Runs – großen Gewinnen durch aggressive Wetten. Defensive Investoren konzentrieren sich darauf, Fehler zu vermeiden und ihr Kapital zu schützen. Marks ordnet sich klar der zweiten Kategorie zu. Seine Fähigkeit liegt nicht darin, die besten Investments zu finden, sondern darin, die schlechtesten zu meiden.
Diese defensive Ausrichtung zeigt sich in Oaktrees Investmentprozess. Bevor ein Investment getätigt wird, durchläuft es intensive Due Diligence. Das Team analysiert nicht nur Upside-Szenarien, sondern vor allem Downside-Risiken.
Diese Fragen stehen im Vordergrund.
Das Ergebnis dieser Philosophie ist eine beeindruckende Konsistenz. Oaktree hat über Jahrzehnte hinweg nur sehr wenige Jahre mit negativen Renditen erlebt. In Krisenjahren, wenn andere große Verluste erleiden, schützt die defensive Ausrichtung das Kapital. Und in Erholungsphasen profitiert Oaktree von den günstig gekauften Assets. Diese Kombination macht langfristig den Unterschied.
In seinen jüngsten Memos und öffentlichen Auftritten zeigt sich Howard Marks vorsichtig hinsichtlich der aktuellen Marktlage. Nach zwei Jahren außergewöhnlich starker Aktienmarktrenditen 2023 und 2024 sieht er die Bewertungen als anspruchsvoll an. Die Investorenpsychologie sei optimistisch, Risikoprämien niedrig – klassische Zeichen dafür, dass man sich im oberen Bereich des Zyklus befindet.
Er warnt vor der Annahme, dass hohe Renditen der Vergangenheit sich automatisch fortsetzen. Die Wahrscheinlichkeit von Enttäuschungen steige mit jedem Jahr zweistelliger Gewinne. Seine Empfehlung: Defensive Positionierung, Kapital für Gelegenheiten vorhalten und keine übermäßigen Risiken eingehen.
Gleichzeitig sieht er interessante Opportunitäten in weniger beachteten Bereichen. Der Markt für Mezzanine-Finanzierungen, Spezialfinanzierungen im Life-Sciences-Bereich und bestimmte notleidende Assets bieten attraktive Risiko-Rendite-Profile. Oaktree sammelt weiterhin bedeutende Summen für neue Fonds in diesen Nischenbereichen.
Seine langfristige Perspektive bleibt unverändert optimistisch. Kapitalismus und Innovation treiben Wachstum, und für geduldige, disziplinierte Investoren wird es immer Gelegenheiten geben. Der Schlüssel ist, nicht übermütig zu werden, wenn es gut läuft, und mutig zu sein, wenn andere in Panik geraten.
Howard Marks’ Philosophie bietet Privatanlegern eine Fülle wertvoller Lektionen, die sich auf jedes Investmentportfolio anwenden lassen – unabhängig von dessen Größe.
Die wichtigste Lektion ist Second-Level-Thinking. Bevor Sie investieren, fragen Sie sich: Was denken andere? Warum könnten sie falsch liegen? Welche Annahmen mache ich, die vom Konsens abweichen? Diese tiefere Analyse hilft, Fehler zu vermeiden und bessere Gelegenheiten zu identifizieren.
Verstehen Sie, wo Sie sich im Zyklus befinden. Wenn alle optimistisch sind und Bewertungen hoch sind, seien Sie vorsichtig. Wenn Pessimismus herrscht und niemand investieren will, suchen Sie nach Gelegenheiten. Diese konträre Haltung ist unbequem, aber langfristig profitabel.
Fokussieren Sie sich auf Risikomanagement, nicht nur auf Renditen. Marks’ Philosophie “Wenn wir Risiken vermeiden, fallen uns die Renditen zu” ist für jeden Anleger relevant. Vermeiden Sie große Verluste, denn diese sind schwer wieder aufzuholen. Ein Jahr mit minus 50 Prozent erfordert anschließend plus 100 Prozent, nur um wieder bei null zu sein.
Seien Sie ehrlich über Ihre eigenen Grenzen. Marks betont immer wieder die Wichtigkeit, zu wissen, was man nicht weiß. Investieren Sie nur in Bereiche, die Sie verstehen. Wenn Sie komplexe Derivate oder exotische Märkte nicht durchschauen, lassen Sie die Finger davon. Kompetenzkreis ist keine Einschränkung, sondern Schutz.
Für die meisten Privatanleger empfiehlt Marks allerdings – ähnlich wie Warren Buffett – eine passive Indexstrategie. Die Mehrheit der Menschen hat weder die Zeit noch die Expertise für erfolgreiches aktives Investieren. Ein diversifiziertes Portfolio aus kostengünstigen Indexfonds, regelmäßig bespart über lange Zeiträume, ist für die meisten der vernünftigste Weg zu Vermögensaufbau.
Howard Marks unterscheidet sich in mehreren Aspekten von anderen prominenten Investoren. Im Vergleich zu Warren Buffett ist Marks spezialisierter – er konzentriert sich auf Distressed Debt und alternative Investments, während Buffett breit diversifiziert in Aktien und Unternehmen investiert. Marks’ Ansatz ist auch defensiver ausgerichtet, mit Fokus auf Vermeidung von Verlusten statt Maximierung von Gewinnen.
Im Vergleich zu Ray Dalio teilt Marks das Interesse an makroökonomischen Zyklen, nutzt diese aber anders. Während Dalio versucht, Zyklen zu prognostizieren und entsprechend zu positionieren, konzentriert sich Marks darauf, zu erkennen, wo man sich im Zyklus befindet, ohne den genauen Wendepunkt vorhersagen zu müssen.
Was Marks einzigartig macht, ist seine Rolle als Lehrer und Kommunikator. Seine Memos und Bücher haben mehr zur Verbreitung von Investmentweisheit beigetragen als die meisten anderen erfolgreichen Investoren. Seine Fähigkeit, komplexe Konzepte klar zu erklären, macht seine Philosophie zugänglich für ein breites Publikum.
Howard Marks lebt mit seiner zweiten Frau Nancy in Los Angeles und besitzt Immobilien in East Hampton, Beverly Hills und anderen exklusiven Lagen. Seine Immobilienkäufe – darunter ein Duplex am 740 Park Avenue für 52,5 Millionen Dollar – zeigen, dass er durchaus die Früchte seines Erfolgs genießt.
Gleichzeitig ist er philanthropisch aktiv. Er ist Treuhänder und Mitglied des Investment Committee des Metropolitan Museum of Art und des Royal Drawing School in London. 1992 gründete er das Howard S. Marks Scholarship an der University of Pennsylvania, das Studenten finanziell unterstützt. 2023 spendeten Nancy und Howard fünf Millionen Dollar an die UCLA für einen Lehrstuhl in der Frauengesundheitsforschung.
Aus seiner ersten Ehe hat er einen Sohn Andrew, der selbst als Venture Capitalist bei TQ Ventures arbeitet. Seine Stieftochter Jane Hait gründete das Center for Art, Research and Alliances. Er hat seine Kinder ermutigt, eigene Wege zu gehen, ohne sich auf sein Vermögen zu verlassen.
Trotz aller Erfolge gibt es auch Kritikpunkte an Howard Marks und Oaktree. Die Performance in den letzten Jahren war solide, aber nicht spektakulär. In stark steigenden Aktienmärkten wie 2023/2024 blieb Oaktree hinter reinen Equity-Strategien zurück – was konsistent mit der defensiven Ausrichtung ist, aber für renditeorientierte Investoren enttäuschend sein kann.
Die Spezialisierung auf Distressed Debt bedeutet auch, dass Oaktrees Erfolg stark von Krisen abhängt. In Jahren ohne größere Marktturbulenzen sind die Opportunitäten begrenzt. Die großen Gewinne entstehen, wenn andere leiden – eine Strategie, die zwar profitabel ist, aber auch bedeutet, dass man auf Krisen “warten” muss.
Auch die Gebührenstruktur von Oaktree ist typisch für Alternative Investments – zwei Prozent Management Fee plus 20 Prozent Performance Fee. Diese Kosten reduzieren die Nettorenditen für Investoren erheblich. Für Privatanleger sind die Fonds ohnehin meist nicht zugänglich, da Mindestinvestments bei Millionen liegen.
Howard Marks hat sich als einer der profiliertesten Investmentdenker unserer Zeit etabliert. Seine Philosophie des Second-Level-Thinkings, sein Fokus auf Risikomanagement und sein tiefes Verständnis von Marktzyklen haben ihm nicht nur finanziellen Erfolg gebracht, sondern auch den Respekt der gesamten Investmentgemeinschaft.
Was Ihn besonders auszeichnet, ist seine Fähigkeit, komplexe Investmentkonzepte verständlich zu machen. Seine Memos und Bücher sind Meisterwerke der Klarheit und haben Millionen von Anlegern geholfen, bessere Entscheidungen zu treffen. Die Tatsache, dass Warren Buffett seine Memos als erstes liest, spricht Bände über deren Qualität.
Für Privatanleger sind Marks’ Lehren besonders wertvoll, weil sie universell anwendbar sind. Man braucht keinen Milliarden-Fonds, um Second-Level-Thinking zu praktizieren. Man braucht keine Armee von Analysten, um zu erkennen, wo man sich im Marktzyklus befindet. Und man braucht keinen privilegierten Zugang zu Distressed Debt, um defensive Prinzipien anzuwenden.
Seine größte Lektion ist vielleicht die zur Bescheidenheit. Er betont immer wieder, wie viel er nicht weiß. Er spricht offen über Fehler. Er warnt vor Übermut. Diese intellektuelle Ehrlichkeit ist in einer Branche, die oft von Arroganz geprägt ist, erfrischend und lehrreich.
In einer Zeit, in der viele nach schnellen Gewinnen suchen und Risiken ignorieren, bietet Howard Marks einen alternativen Weg: Geduldig sein. Defensiv denken. Vom Konsens abweichen, wenn die Analyse es rechtfertigt. Risiken verstehen und managen. Diese zeitlosen Prinzipien mögen nicht sexy sein, aber sie funktionieren – wie Marks über Jahrzehnte bewiesen hat.
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