bevestor Interview

Im Gespräch mit Marco Lorenz/Geschäftsführer von bevestor

bevestor – als 100%ige DekaBank-Tochter und Roboadvisor von 327 Sparkassen verbindet bevestor etablierte Finanzexpertise mit digitaler Vermögensverwaltung. Der Resampling-Ansatz nach Michaud und ein Anlageschutz-Mechanismus sollen das Angebot von reinen ETF-Robos abheben. Doch wie viel Innovation steckt wirklich hinter dem "Corporate Robo", und wo beginnt das Sparkassen-Marketing? Diese und 8 weitere Fragen haben wir Marco Lorenz, Co-Geschäftsführer von bevestor, gestellt. Im Folgenden das bevestor Interview.

22. September 2025 | Markus G.

Zuletzt aktualisiert am: 27. Oktober 2025

10 Fragen an bevestor

Interview mit Marco Lorenz, Geschäftsführer der bevestor GmbH


bevestor, die 100%ige Tochter der DekaBank, hat sich als digitaler Vermögensverwalter im deutschen Roboadvisor-Markt etabliert. Als Teil der Sparkassen-Finanzgruppe verbindet bevestor die Expertise einer etablierten Fondsgesellschaft mit innovativen digitalen Anlagelösungen.

Mit dem Resampling-Ansatz nach Michaud, einem einzigartigen Anlageschutz-Mechanismus und der Integration in 327 Sparkassen verfolgt bevestor einen besonderen Weg zwischen Innovation und bewährter Finanzexpertise. Das Unternehmen vermittelt Vermögensverwaltung durch die Deka Vermögensmanagement GmbH und konnte zum Halbjahr 2025 ein Anlagevolumen von 634,8 Mio. Euro sowie rund 181.000 Kundendepots verzeichnen.


Zur Person

Marco Lorenz ist seit 2016 Co-Geschäftsführer von bevestor, dem Robo-Advisor der Sparkassen-Finanzgruppe, und hat die Plattform 2018 im Auftrag der DekaBank auf den Markt gebracht. Mit über 25 Jahren Erfahrung in verschiedenen Positionen für die Deka-Gruppe bringt er umfassende Expertise in der Finanzbranche mit.

Lorenz studierte Informatik (FH) mit Schwerpunkt BWL und E-Commerce und verbindet damit technisches Verständnis mit betriebswirtschaftlichem Know-how. Diese Kombination prädestiniert ihn für die Führung eines Unternehmens, das digitale Innovation mit traditioneller Finanzexpertise verbindet. Er steuert Strategie und Produktentwicklung im digitalen Wealth-Management und liebt den täglichen Wechsel zwischen kreativen Ideen und ihrer schnellen Umsetzung im agilen Team.

Kontinuierliche Weiterbildung über Fachmedien, Seminare und Podcasts gehört für ihn genauso zum Alltag wie der Austausch mit Kolleginnen und Kollegen. Seine persönliche Anlagephilosophie – breit diversifiziert, langfristig ausgerichtet und in Fonds investiert – entspricht exakt den Empfehlungen, die er seinen Kunden gibt. Privat verbindet er Beruf und Freizeit, indem er vor allem Podcasts hört und Fachliteratur liest.


Unternehmensspezifische Fragen


1
Resampling-Ansatz nach Michaud vs. klassische Markowitz-Optimierung

Sie nutzen den Resampling-Ansatz nach Michaud, der die klassische Portfoliotheorie mit Monte-Carlo-Simulationen kombiniert, um “robustere und breiter diversifizierte Portfolios” zu liefern. Können Sie konkret erläutern, wie sich diese Methode in der Portfoliozusammensetzung Ihrer fünf Risikoklassen von 20/80 bis 80/20 niederschlägt und welche messbaren Vorteile Sie gegenüber der Standard-Markowitz-Optimierung erzielen?

Die Standard-Markowitz-Optimierung hat in der Praxis Schwächen, da sie perfekte Schätzungen für Rendite und Risiko voraussetzt. Dies führt häufig zu extremen Portfolioallokationen mit Nullgewichten für manche Assetklassen. Unser Resampling-Ansatz nach Michaud simuliert hingegen tausende mögliche Entwicklungen in den Select-Portfolios. Dadurch werden unterschiedliche Szenarien, einschließlich Extremsituationen, berücksichtigt. Die Select-Basisportfolios werden dann so ausgerichtet, dass sie in möglichst allen Szenarien ein ausgewogenes Rendite-Risiko-Profil und mittel- bis langfristig eine hohe Stabilität in der Allokation aufweisen. Dies vermeidet extreme Portfolioallokationen und die Portfolios sind breiter diversifiziert. Studien zeigen zudem, dass die risikoadjustierte Rendite bei diesem Ansatz höher ist als bei der Standard-Markowitz-Optimierung.

2
Anlageschutz-Mechanismus: Innovation oder Marketing?

Ihr Anlageschutz ist ein Alleinstellungsmerkmal im deutschen Roboadvisor-Markt. Bei welcher exakten Verlustgrenze greift der Mechanismus, und wie oft wurde er seit Einführung tatsächlich aktiviert? Angesichts der zusätzlichen 0,2% Gebühren: Können Sie Performance-Daten vorweisen, die belegen, dass Kunden mit Anlageschutz langfristig besser abschneiden als ohne – insbesondere unter Berücksichtigung der Opportunitätskosten durch verpasste Erholungsphasen?

Kurze Antwort: Innovation. Aber lassen Sie mich das weiter ausführen. Der Anlageschutz ist eine Risikomanagementstrategie, keine Garantie. Die Verlustgrenzen variieren je nach Risikoklasse: 5 %, 7,5 %, 10 %, 15 % und 20 %. Der Anlageschutz gilt für 180 Tage und täglich wird der Value-at-Risk mit dem verbleibenden Puffer – aktueller Portfoliowert minus Verlustgrenze – abgeglichen. Bei fallenden Märkten wird das Portfolio frühzeitig angepasst, um größere Rückschläge zu vermeiden. Der Anlageschutz wirkt dabei wie eine Portfolio-„Versicherung”. Er lohnt sich vor allem bei stärkeren und länger andauernden Korrekturen. Bei V-förmigen Erholungen führt der Anlageschutz konstruktionsbedingt in der Regel zu geringeren Renditen.

Ziel ist nicht primär eine höhere Rendite, sondern die Vermeidung starker Verluste, die Anlegerinnen und Anleger oft zu ungünstigen Verkaufsentscheidungen bewegen. In Phasen erhöhter Marktunsicherheit können Anlegerinnen und Anleger den Anlageschutz nutzen, um ihre Gewinne teilweise zu sichern, aber gleichzeitig voll investiert zu bleiben. Wichtig: Man kann den Anlageschutz gemäß der eigenen Einschätzung aktivieren und deaktivieren, und so die Chance einer höheren Partizipation nach einem Rücksetzer nochmals deutlich erhöhen. Kommt es dennoch zu einem „Cash Lock”, also dem Aufbrauchen des Risikobudgets, wird der Anlageschutz nach sechs Monaten automatisch zurückgesetzt und neu gestartet.

Da Anlegerinnen und Anleger den Schutz individuell aktivieren und deaktivieren können, sind pauschale Aussagen zur Performance schwierig. Während viele Kundinnen und Kunden ihr Rendite-Risiko-Verhältnis verbessern, zahlen andere in Erholungsphasen durch geringere Partizipation eine Art „Versicherungsprämie”.

3
DekaBank-Integration und Unabhängigkeit

Als 100%ige Tochter der DekaBank stehen Sie im Spannungsfeld zwischen Innovationsfreiheit und Konzerninteressen. Inwieweit beeinflusst die DekaBank Ihre ETF-Auswahl, und wie stellen Sie sicher, dass Sie nicht bevorzugt hauseigene Deka-Produkte einsetzen? Wie begegnen Sie dem Vorwurf, letztendlich ein “verlängerter Arm” der traditionellen Fondsbranche zu sein?

Bevestor vermittelt seinen Kundinnen und Kunden eine Vermögensverwaltung der Deka Vermögensmanagement GmbH (DVM), die eigenständig über die ETF-Auswahl entscheidet. Das Fondsresearch der DVM — eines der größten in Deutschland – prüft alle Fonds umfassend. Neben klassischen Fondskennzahlen fließen auch qualitative Kriterien wie beispielsweise die Erfahrung und Stabilität des Fondsmanagements in die Bewertung ein. Um dieses sicherzustellen, steht das Research-Team in regelmäßigem Austausch mit allen relevanten Fondsgesellschaften und führt persönliche Gespräche mit den Verantwortlichen durch.

4
Zusammenarbeit mit der Sparkassen-Gruppe

Wie hat sich die Kooperation des bevestors mit den Sparkassen entwickelt und welche aktuellen Geschäftszahlen weist das Unternehmen auf?

Der bevestor wurde zur Jahresmitte von 327 Sparkassen im Rahmen eines Kooperationsmodells in den medialen Vertrieb integriert. Der bevestor hatte zum Halbjahresende 2025 634,8 Mio. Euro Anlagevolumen vermittelt und verwaltete rund 181.000 Kundendepots. Zum Jahresende 2024 betrug die Anzahl der Kundendepots rund 138.000. Hieraus wird ersichtlich, dass wir ein stabiles Wachstum verzeichnen.

5
Themen-Investments: Wissenschaft oder Trends?

Sie bieten sechs Themen-Investments von KI bis Biotech an, die via aktiv gemanagte Fonds umgesetzt werden. Das widerspricht dem ansonsten passiven ETF-Ansatz. Wie rechtfertigen Sie diese Abweichung von der wissenschaftlich fundierten Grundstrategie, und welche Performance-Kriterien müssen diese Themen-Beimischungen erfüllen, um dauerhaft im Angebot zu bleiben?

Derzeit bieten wir zehn Themen-Investments in der klassischen sowie sechs in der nachhaltigkeitsorientierten Anlagestrategie an. Gerade bei Themen-Investments, die sich oft auch durch dynamische und volatile Entwicklungen auszeichnen, ist aus unserer Sicht die Expertise eines aktiven Fondsmanagements von entscheidender Bedeutung. Nur so können Positionierungen flexibel an die Nachrichtenlage angepasst werden — etwas, was bei passiven ETFs nicht möglich ist, da sie starr an einen Index gebunden sind. Gleichzeitig prüfen wir kontinuierlich passive Konzepte und haben bereits erste Themen-Investments wie Künstliche Intelligenz — nachhaltigkeitsorientiert – und Wasser — klassisch – in Form passiver Konzepte umgesetzt.

Markt- und Wettbewerbsfragen


6
“Corporate Robo” vs. FinTech-Startups

Als Sparkassen-Roboadvisor repräsentieren Sie das “Corporate Robo”-Segment gegenüber FinTech-Startups wie Scalable oder Quirion. Wie nutzen Sie die Sparkassen-Infrastruktur konkret als Wettbewerbsvorteil – hinter der reinen Vertriebsanbindung? Sehen Sie sich eher als digitaler Modernisierer der traditionellen Finanzberatung oder als eigenständiger Roboadvisor-Player?

Unser Vorteil liegt in der starken Sparkassen-Infrastruktur, die über die reine Vertriebsanbindung hinausgeht. Bevestor ergänzt die traditionelle Beratung der Sparkassen durch digitale Vermögensverwaltung und fungiert als Brücke zu digital-affinen Kunden. Gleichzeitig agieren wir eigenständig am Markt und verbinden die Agilität eines FinTechs mit der Expertise und Stabilität der DekaBank.

7
Gebührenrechtfertigung bei 1,1-1,33% Gesamtkosten

Mit Gesamtkosten von etwa 1,1-1,33% p.a. (inklusive Produktkosten) positionieren Sie sich im oberen Segment des deutschen Roboadvisor-Markts. Wie rechtfertigen Sie diese Preispremium gegenüber günstigeren Anbietern, und welchen konkreten Mehrwert bieten Sie, der die höheren Kosten aus Kundensicht kompensiert?

Unsere jährliche All-In-Fee beträgt 0,8 % des durchschnittlichen Depotwerts und umfasst Depot- sowie Transaktionskosten. Der optionale Anlageschutz kostet zusätzlich 0,2 % und wird nur für die aktive Nutzung berechnet — Kundinnen und Kunden können ihn jederzeit aktivieren oder deaktivieren. Hinzu kommen, wie bei allen Robo-Advisorn, Fremd- und Verwaltungskosten der Fonds, die bei uns zwischen 0,14 % und 0,33 % liegen und direkt aus dem Fondsvermögen entnommen werden. Zudem planen wir, unsere Gebühren zum 01.12.2025 nochmals attraktiver zu gestalten.

8
Nachhaltigkeit: “Select Nachhaltigkeit” vs. Greenwashing-Vorwürfe

Ihre “Select Nachhaltigkeit”-Portfolios investieren zu mindestens 75% in ESG-konforme Produkte. Wie definieren Sie “nachhaltig” konkret, und welche Ausschlusskriterien wenden Sie an? Angesichts der anhaltenden Greenwashing-Debatte: Können Sie garantieren, dass Ihre ESG-Portfolios tatsächlich messbare Nachhaltigkeitseffekte erzielen und nicht nur Marketing sind?

Nachhaltigkeit ist ein zentraler Bestandteil unseres Investmentansatzes, und wir legen großen Wert auf Transparenz sowie die Einhaltung klar definierter ESG-Kriterien. Die “Select Nachhaltigkeit”-Portfolios der Deka investieren mindestens 75 % in ESG-konforme Produkte, basierend auf einem mehrstufigen Investmentprozesses, der sowohl Ausschlusskriterien – Negativ-Screening – als auch Best-in-Class-Ansätze – Positiv-Screening – integriert.

Zukunfts- und Technologiefragen


9
Quartalsweises vs. jährliches Rebalancing

Sie führen quartalsweise Rebalancing durch, während viele Konkurrenten nur jährlich umschichten. Das erhöht Transaktionskosten, soll aber die Strategietreue verbessern. Haben Sie quantitative Belege dafür, dass quartalsweises Rebalancing die Rendite nach Kosten tatsächlich verbessert? Oder ist es primär ein Service-Differenzierungsmerkmal?

Unsere internen Analysen zeigen, dass die quartalsweise Portfolioanpassung klare Vorteile gegenüber einer jährlichen Anpassung bietet. Bei Bevestor fallen keine fixen Gebühren für Portfolioanpassungen an. Daher sollte nicht die Häufigkeit – quartalsweise vs. jährliche Anpassungen – eine Rolle spielen, sondern allein die absolute Höhe der Anpassungen. Das bedeutet, dass eine Umschichtung von 2,5 % pro Quartal dieselben Kosten verursacht wie eine Umschichtung von 10 % pro Jahr.

10
KI-Integration und Zukunft des Resampling-Ansatzes

Während andere Roboadvisor verstärkt auf KI und Machine Learning setzen, basiert Ihr Ansatz noch stark auf der klassischen, wenn auch verfeinerten Portfoliotheorie nach Michaud. Sehen Sie Potentiale, Ihren Resampling-Ansatz durch moderne KI-Methoden zu erweitern, oder würde das der wissenschaftlichen Fundierung Ihrer Strategie widersprechen? Wie positionieren Sie sich gegenüber der “KI-Revolution” im Robo-Advisor Markt?

KI ist bereits seit Oktober 2024 in unseren Allokationsansatz integriert. Neben Risiko- und Korrelationsschätzern aus historischen Daten fließen auch Renditeprognosen für alle Assetklassen in die Berechnungen ein. Diese bestehen aus einer langfristigen Komponente, die auf einem Gleichgewichtsmodell der Deka-Volkswirte beruht, sowie einer kurzfristigen Komponente, die auf einem Machine-Learning-Ansatz beruht.

Das Machine-Learning-Modell nutzt über 40 Indikatoren, darunter Konjunktur- und Inflationsdaten, Risikosignale, Bewertungsniveaus, Einkaufsmanagerindizes und Stimmungsumfragen. Ein Ensemble-Ansatz kombiniert lineare und nichtlineare Modelle, um robuste Prognosen für unterschiedliche Marktphasen zu liefern. Diese Modelle sind speziell auf die jeweiligen Märkte und Assetklassen abgestimmt und haben einen Prognosehorizont von drei Monaten.

Darüber hinaus evaluieren wir den Einsatz automatisierter Texterkennungsverfahren, die in Zukunft an verschiedenen Stellen des Investment- und Anlageprozesses Mehrwert bieten könnten.


Was wollten Sie schon immer über den deutschen Roboadvisor Markt „loswerden”, sind aber noch nie mit einer entsprechenden Frage „konfrontiert” worden?

Der deutsche Robo-Advisor-Markt wird leider noch immer unterschätzt. Dabei bieten die professionellen Managementleistungen und die meist breit diversifizierten, überwiegend ETF-basierten Portfolios sowohl Wertpapiereinsteigerinnen und -einsteigern einen einfachen Zugang zum Kapitalmarkt, als auch erfahrenen Anlegerinnen und Anlegern eine attraktive Möglichkeit, ihre Anlagestruktur effizient zu diversifizieren. Das Beste daran: Kundinnen und Kunden müssen sich nicht selbst um die Details kümmern, sondern können auf die Expertise eines erfahrenen Vermögensmanagements vertrauen.


Zu guter Letzt

Herr Lorenz, wir danken Ihnen sehr für das sehr interessante und aufschlussreiche Interview!

Interview geführt im Rahmen der Serie „10 Fragen an…” zur digitalen Vermögensverwaltung in Deutschland. Alle Angaben entsprechen dem Stand zum Zeitpunkt des Interviews und ohne Gewähr.

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Markus G.

Markus ist der “Kopf” des Teams. Ideengeber, Vermarkter, Redakteur und irgendwie an allem auf diesem Portal beteiligt. Ohne ihn würde es dieses Portal so nicht geben. Eine Idee – entstanden aus dem persönlichen Interesse an FinTech und nun langjähriger Erfahrungen in der Finanz-Szene. Zudem ist Markus Kolumnist auf zahlreichen Online-Plattformen – im englischsprachigen Raum unter anderem aufTalkmarkets, aber auch auf im deutschsprachigen Raum u. a. auf Focus.de
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